Wurzeln und Flügel Beitrag zum Jahresbericht 1999 des SAEV |
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So heisst eine Vereinigung von Adoptierten in Deutschland. Dieser poetische Name symbolisiert ein Spannungsfeld, in dem sich viele Adoptierte im Jugendalter befinden. In ihrer Adoptivfamilie werden sie flügge, bereit auf eigenen erstarkten Schwingen die Welt zu erkunden. Mit dieser ihrem Lebensalter gemässen Bewegung weg von der Adoptivfamilie und hin zur Selbständigkeit wird ein Thema wieder aktualisiert, das in ihrer Entwicklung immer schon präsent war, aber zuweilen eher im Hintergrund mitgelaufen ist: Die Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft, den eigenen Wurzeln. Viele spüren, dass echte Selbständigkeit nur möglich ist, wenn die eigenen Wurzeln erkundet sind und der - innere oder äussere - Dialog mit den Personen, die diese Wurzeln repräsentieren stattgefunden hat. Das Bild im Namen dieser Vereinigung symbolisiert somit ein Paradox: Wer sich der eigenen Wurzeln bewusst ist, kann starke Flügel entwickeln, um mit eigener Kraft in die Welt auszufliegen.
Die Unterstützung und Beratung von Adoptierten auf der Suche nach ihren biologischen Eltern ist ein wichtige Aufgabe der Schweizerischen Fachstelle für Adoption. Sie hat sich in den letzten zwanzig Jahren stark gewandelt. Früher hatte diese Suche noch stark den Geruch des Subversiven. Oft gegen den Willen der Adoptiveltern oder in aller Heimlichkeit machten sich Adoptierte auf die Suche. Sie mussten oft Einwohnerkontroll- und Zivilstandsbeamte mit fingierten Anliegen übertölpeln, um zu den Adressen ihrer leiblichen Eltern zu kommen. Heute sind diese Finten nicht mehr nötig: Die Einstellung der Adoptiveltern hat sich stark gewandelt, sie können den Wunsch ihrer Adoptivkinder nach Kenntnis ihrer Herkunft verstehen. Es gibt wohl kaum ein Adoptivkind mehr, dem verheimlicht wird, dass es adoptiert wurde. Die meisten Adoptiveltern versuchen, ihren Kindern ein verständnisvolles und einfühlsames Bild der leiblichen Eltern zu mitzugeben. Dieser Einstellungswandel schützt aber leider nicht davor, dass diese Zeit der aktiven Suche von den Adoptiveltern manchmal als Kränkung erlebt wird und ihr Selbstbewusstsein als Eltern ins Wanken kommt. Speziell dann, wenn dies noch durch die entwicklungsbedingten pubertären Wirren überlagert wird. Auch auf behördlicher Seite hat eine Öffnung stattgefunden. Wir stossen bei unseren Nachforschungsbegehren kaum mehr auf Widerstand. Bei den wenigen Einzelfällen der letzten Jahre, wo wir an die zweite Instanz gelangen mussten, konnte die Sache ohne Verwaltungsgerichtsverfahren erledigt werden. Das heisst allerdings noch nicht, dass sich die Rechtslage verbessert hat. Immer berühren diese Nachforschungen vier Rechtsgebiete, die schlecht aufeinander abgestimmt sind: das Vormundschaftsrecht, das Zivilstandswesen, das Einwohnerkontrollwesen und das Datenschutzrecht. Die Beamten sind aber heute bereit, ihren Ermessensspielraum zugunsten der Adoptierten zu nutzen. Dazu beigetragen hat sicher eine Empfehlung der Konferenz der kantonalen Aufsichtsbehörden im Zivilstandswesen an ihre Mitglieder, mit unserer Fachstelle zusammenzuarbeiten. Zentral bei unserem Verfahren ist die Beratung und Begleitung der Adoptierten und die Respektierung der Persönlichkeitsrechte der leiblichen Eltern und der Adoptiveltern. Das bedeutet, dass wir in unserer Arbeitsweise nicht von einem unbedingten Recht der Adoptierten auf Kenntnis der Identität und auf Kontakt mit den leiblichen Eltern ausgehen, wie dies teilweise gefordert wird. Dieses Recht hat zwar auch für uns ein grosses Gewicht, unsere Praxis bezieht aber auch die eventuellen Auswirkungen mit ein, die eine erzwungene Durchsetzung auf das familiäre Gefüge und auf die Beteiligten haben kann. Konkret bedeutet dies, dass wir minderjährige Adoptierte nur im Einverständnis mit den Adoptiveltern bei ihrer Suche unterstützen. Generell raten vor dem 18ten Altersjahr eher von einer Suche und Kontaktaufnahme ab. Von erwachsenen Adoptierten erwarten wir, dass sie sich mit ihren Adoptiveltern zum Thema Wurzelsuche auseinandergesetzt haben, sind aber bereit, sie auch bei einer ablehnenden Haltung der Adoptiveltern zu unterstützen. Ganz wichtig ist uns eine behutsame Kontaktaufnahme mit den leiblichen Müttern. Sie stammen oft aus einer Generation, in der die Freigabe zur Adoption ein Makel war. Deshalb mussten sie diese Tatsache oft lebenslang als Geheimnis bewahren. Sie sollen genügend Zeit haben und ohne Druck entscheiden, ob sie auf den Kontaktwunsch ihres "verlorenen" Sohnes oder ihrer Tochter eingehen können und wollen. Deshalb nehmen wir als Dritte zuerst Kontakt mit ihnen auf und geben ihre Identität und Adresse nur bekannt, wenn sie dem ausdrücklich zustimmen. Wenn nötig arrangieren wir auch Inkognito-Treffen mit unserer Begleitung, um sich gegenseitig kennen zu lernen bevor das Inkognito gelüftet wird. Adoptierte, die unsere Unterstützung in Anspruch nehmen, kennen unsere Bedingungen und haben diesen ausdrücklich zugestimmt. Alles in allem eine recht erfreuliche Entwicklung zu mehr Offenheit in der Adoption und zu einer unverkrampfteren Haltung aller Beteiligten. Einige Wermutstropfen gibt es allerdings: Auch in der inländischen Adoptionsvermittlung gibt es Kinder mit ausländischen Wurzeln, der Anteil ist zunehmend. Ein Teil der leiblichen Mütter kommt aus Kriegsgebieten und geht in Länder zurück, die noch lange unter Nachkriegswirren leiden werden. Teilweise kommen sie aus Kulturen, in denen ein aussereheliches Kind ihre soziale Stellung in Familie und Gesellschaft aufs äusserste gefährdet. Diesen Kindern werden wir wohl kaum gerecht werden können, wenn sie alt genug sind, nach ihren leiblichen Eltern zu suchen. Dann werden andere Vorgehensweisen nötig sein, sich mit der eigenen Herkunft auseinander zusetzen. Wir werden dabei von den Erfahrungen lernen können, die zur Zeit im Bereich der internationalen Adoption gemacht werden. |