Jahresbericht 2000

Inhaltsverzeichnis:

Das Recht auf Kenntnis der eigenen Herkunft ein Durchbruch ! Der Umgang mit den Wurzeln der Adoptivkinder
Bericht des Betriebsausschusses Reaktion Betroffener
Bilanz und Rechnung Wer bin ich ? Woher komme ich ? Was ist mein Ich wert ?
Statistik Dank
Die fehlenden Puzzleteile  
   

 


DAS RECHT AUF KENNTNIS DER EIGENEN HERKUNFT EIN DURCHBRUCH!

 

Sehr lange hat es gedauert, aber nun ist es endlich so weit: Das Recht von Adoptierten auf Kenntnis ihrer biologischen Herkunft wird demnächst gesetzlich verankert. Begonnen hat es 1989 mit der Petition der Interessengemeinschaft Adoptierter der Schweiz. Im Kommentar zum Fortpflanzungsmedizingesetz hat der Bundesrat 1996 in Aussicht gestellt, dass das Recht auf Kenntnis der eigenen biologischen Wurzeln für künstlich Gezeugte wie auch für Adoptierte gleich geregelt werden soll.
Im Entwurf des Gesetzes zur Haager Übereinkunft ist dieses Versprechen eingelöst worden: Adoptierte sollen künftig das Recht haben, die Identität ihrer biologischen Eltern zu kennen. Das Gesetz ist noch nicht verabschiedet, es bleibt noch eine kleine Differenz zwischen National und Ständerat zu diesem Thema: Der Nationalrat hat sich für ein unbedingtes Recht auf Kenntnis der eigenen Herkunft entschieden, der Ständerat möchte dieses Recht gegenüber den Interessen der leiblichen Eltern abwägen.
Parallel zur Gesetzgebung hat sich die Praxis der Zivilstandsämter, Einwohnerkontrollen und Vormundschaftsbehörden ganz wesentlich verändert: Unsere Fachstelle stösst kaum mehr auf Widerstand, wenn sie im Auftrag von Adoptierten nach leiblichen Eltern sucht. Selten einmal ist eine Einsprache gegen eine ablehnende Verfügung nötig und in diesen Fällen haben wir in den letzten vier Jahren von der nächsten Instanz immer Recht bekommen. Es bestätigt die bisherigen Bestrebungen der Fachstelle, wenn diese liberalisierte Praxis nun auch gesetzlich verankert wird.
Aus unserer Erfahrung mit suchenden Adoptierten wissen wir, wie wichtig eine sorgfältige Beratung und Begleitung bei der Suche und Zusammenführung sein kann. Deshalb haben wir uns gegenüber den Bundesbehörden nicht für ein absolutes Recht auf Kenntnis der leiblichen Eltern eingesetzt, sondern für eine Interessenabwägung zwischen Adoptierten und ihren leiblichen Eltern plädiert. Wir hoffen, dass diese Variante in den Beratungen des Parlaments sich durchsetzen wird. Nur in wenigen Fällen haben sich bisher die leiblichen Eltern der Bekanntgabe ihrer Identität verweigert. Daraus schliessen wir, dass auch künftig äusserst selten der Richter eine solche Interessenabwägung vornehmen muss. Zumal das Recht auf Kenntnis der Identität nicht automatisch das Recht auf persönlichen Kontakt einschliesst.
Interessenabwägung setzt allerdings Kontaktnahme mit den leiblichen Eltern voraus: Sie müssen von der Suche ihres Kindes Kenntnis haben und sich dazu äussern können. Dies ist eine äusserst heikle Phase der Zusammenführung: Die leiblichen Eltern leben oft in einer völlig anderen Lebenssituation als zum Zeitpunkt der Adoptionsfreigabe, ihre heutige Familie, ihr soziales Umfeld weiss oft nichts von diesem Kind und der Adoption. Deshalb plädieren wir dafür, dass nicht die suchenden Adoptierten selbst diesen ersten Kontakt aufnehmen, sondern eine dafür qualifizierte Amts oder Fachstelle. Wir werden also, auch wenn sich das unbedingte Recht auf Kenntnis der eigenen Herkunft durchsetzt, weiterhin unsere Dienstleistung der Unterstützung und Begleitung bei der Suche, Kontaktaufnahme und Zusammenführung anbieten. Wir sind überzeugt, dass auch künftig eine Mehrheit von Adoptierten die Notwendigkeit eines sorgfältigen Vorgehens einsehen und unsere Dienstleistungen schätzen wird.
Der Arbeitsbereich "Unterstützung bei der Suche nach leiblichen Angehörigen" ist in den letzten Jahren immer wichtiger geworden, das zeigt die Statistik:
Jahr 1997 1998 1999 2000
Suchaufträge 31 52 75 81
Die Zahl der Adoptionsvermittlungen hat sich in den letzten Jahren zwischen 20 und 30 Vermittlungen pro Jahr bewegt. Auffällig ist, dass Rückzüge der Einwilligung zur Adoption häufiger vorkommen. Aus der Sicht der Paare, die ein Kind bei sich aufnehmen möchten, ist dies ein belastendes und frustrierendes Erlebnis. Meist wissen sie, dass sie für ein bestimmtes Kind ausgewählt wurden und sie freuen sich auf das Kind, das in wenigen Tagen oder Wochen zu ihnen kommen soll. Der Rückzug der Einwilligung durch die Mutter ist für sie eine herbe Enttäuschung. Aus der Sicht des Kindesschutzes und der Rechte der leiblichen Mutter sieht dies allerdings anders aus: Rückzüge sind das Resultat eines langen Ringens der Mutter (Väter sind leider noch kaum beteiligt) um den richtigen Entscheid, sie sind Ausdruck der Entscheidungsfreiheit der Mutter, die von allen Beteiligten respektiert wurde und nicht zuletzt führen sie dazu, dass ein Kind mehr bei seinen leiblichen Eltern aufwachsen kann. Das in der Schweiz gut ausgebaute Unterstützungssystem für Familien in schwierigen Situationen hat einmal mehr funktioniert. Bedauerlich für das kinderlose Paar, das sich auf ein Kind gefreut hat; höchst erfreulich für Mutter und Kind und auch für uns ebenso sehr, wie "erfolgreiche" Vermittlungen, deshalb sollen sie auch in unserer Jahresstatistik prominenter dargestellt werden.
Neben der direkten Beratung und Vermittlung hat die Fachstelle als Mitveranstalterin den internationalen Fachkongress "Qualitätsentwicklung im Adoptions und Pflegekinderwesen" vom 2. bis 4. November 2000 in Zürich organisiert. Die Referate und Berichte sind auf unserer website www.adoption.ch abrufbar. Die Initiative dazu und die erfolgreiche Durchführung hat der Fachstelle viel Anerkennung in Fachkreisen eingebracht. Die TeilnehmerInnen des Kongresses erwarten, dass die Fachstelle künftig eine führende Rolle in der Umsetzung der am Kongress verabschiedeten Forderungen zur Qualitätsentwicklung im Adoptionsbereich einnehmen wird.

Ebenfalls in diesem Jahr hat die Dokumentationsstelle ihren Dienst aufgenommen. Sie steht Fachleuten und Studierenden zur Verfügung, die sich zum Thema Adoption vertiefter informieren wollen.

Mit dem Kongress und der Betriebsaufnahme der Dokumentationsstelle hat die Fachstelle die vierjährige Pilotphase abgeschlossen. Durch einen Leistungsvertrag mit der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi konnte die finanzielle Situation erheblich verbessert werden. Zur Zeit sind Verhandlungen im Gang, die eine strukturelle Integration in die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi zum Ziel haben. Das würde den beiden bisherigen Trägern den Rückzug aus der Trägerschaftsverantwortung erlauben. Beim Verein Schweizerische Private Mütterberatung und AdoptivkinderVermittlung, Rapperswil VSMA wäre damit der Weg geebnet für eine Fusion mit der Schweizerischen Adoptivelternvereinigung SAEV. Die Zusammenarbeit mit der Fachstelle bliebe erhalten und könnte auf die Belange der Adoptivfamilien konzentriert werden.

Mit dem Abschluss der Pilotphase endet auch mein Mandat als Geschäftsleiter. Mit Herrn Rolf Widmer haben wir einen idealen Nachfolger gefunden. Er ist bereits Direktor des Internationalen Sozialdienstes in Genf und wird künftig beide Funktionen wahrnehmen. Für die Fachstelle ist der Internationale Sozialdienst eine ideale Ergänzung in zweifacher Hinsicht: Er bringt Erfahrung und Fachkompetenz im Bereich der Internationalen Adoption ein und verschafft uns die Möglichkeit, unseren Anspruch, eine Schweizerische Fachstelle zu sein, auch in der Romandie einzulösen.
In der Pilotphase haben wir solide Grundlagen für die Fachstelle geschaffen. Die Zukunft hat aber erst gerade begonnen. Der Kindesschutz im Adoptionswesen bedarf der Verstärkung und des Ausbaus. Die Ratifizierung der Haager Übereinkunft durch die Schweiz ist zwar ein wichtiger Schritt, sie wird aber Papier bleiben, wenn sie nicht auf allen behördlichen Ebenen und in allen Institutionen auch in professionelles Handeln umgesetzt wird. Dazu braucht es eine fachkompetente und einflussreiche Fachstelle. Wir sind zuversichtlich, dass sich auch in Zukunft Private und Institutionen finden lassen, die unsere Zielsetzungen teilen und uns in diesen Bestrebungen ideell und finanziell unterstützen.

Ich wünsche der Fachstelle, meinem Nachfolger und seinen Mitarbeiterinnen Kraft, Ausdauer, Durchsetzungsvermögen, genügend Ressourcen und Phantasie in ihrem Einsatz für die Interessen des Kindes im Adoptionsverfahren

Peter Keimer

Ein herzliches Dankeschön
richten wir an unsere ehrenamtlichen
Mitarbeiterinnen, die sich auch in diesem Jahr in folgenden Bereichen mit grossem Engagement eingesetzt haben:
Frau Kathrin Joye, Dokumentation
Frau Antje Bruckhaus, Dokumentation
Frau Eliane Weber, Beratung in juristischen Fragen

 


BERICHT DES BETRIEBSAUSSCHUSSES

 

Mit diesem Geschäftsjahr wird die vierjährige Pilotphase der neukonzipierten "Schweizerischen Fachstelle für Adoption" abgeschlossen. Die Grundstruktur der fachlichen Dienstleistungen, welche neben der Adoptionsvermittlung und Unterstützung von Adoptierten bei der Wurzelsuche auch Öffentlichkeitsarbeit, Weiterbildung und Praxisforschung beinhaltet, hat sich bewährt. Dadurch ist es unserer Fachstelle gelungen, eine wichtige Lücke unseres Sozialwesens zu schliessen und massgeblich dazu beizutragen, dass inländische Adoptionen heutigen Qualitätsstandards entsprechen. Tragfähige Adoptionsplatzierungen von "elternlosen Kindern" entlasten nicht nur den Sozialstaat von finanziellen Verpflichtungen, sondern eröffnen diesen durch die Startbedingungen "traumatisierten" Kindern optimale Entwicklungsperspektiven.

Leider schlägt sich dies nicht angemessen im finanziellen Engagement der über den Kanton Zürich hinausreichenden Öffentlichkeit nieder. Es wirkt mehr als befremdlich, wenn unsere Dienstleistungen (bzw. deren nicht kostendeckenden Abgeltungen durch die adoptionswilligen Paare, wie beispielsweise Kursgebühren, Vermittlungspauschalen) der Mehrwertsteuerpflicht des Bundes unterstellt sind. Präventiver Kindesschutz wie ihn eine gelungene Adoptionsvermittlung darstellt und in der neuen Bundesverfassung als Verfassungsauftrag (Art. 11) unmissverständlich gefordert wird, wird auf Bundesebene mit Konsumgütern und allgemeinen Dienstleistungen gleichgesetzt.

Deshalb sind wir ausserordentlich froh, dass die beiden Träger in ihrem finanziellen Engagement von der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi bereits massgeblich mitgetragen werden. Es sind auch Verhandlungen mit dieser Stiftung geführt worden, welche im Verlaufe der nächsten Zeit eine weitergehende Ablösung der bisherigen Träger möglich machen können.

Die Fachkommission hat sich wiederum an zwei Sitzungen über spezielle Fachfragen ausgetauscht. Im Zentrum der Aktivitäten der Fachstelle stand im vergangenen Jahr natürlich der Internationale Fachkongress.

Der Betriebsausschuss hat sich im üblichen Umfange zu Entscheidungen über betriebliche Belange getroffen. Wir konnten sowohl vom Gesamtteam, als auch vom Geschäftsleiter her auf einen ausserordentlichen fachlichen Einsatz zählen. Dafür möchten wir herzlich danken. Der Arbeitsvertrag mit dem Geschäftsleiter war mit der vierjährigen Projektphase gekoppelt und deshalb befristet. Wir bedauern es ausserordentlich, dass wir deshalb unseren bisherigen Projektverantwortlichen, Peter Keimer, ziehen lassen müssen. Er hatte sich in erstaunlich kurzer Zeit fachlich und organisatorisch fundiert in seine Funktionen eingearbeitet und einen äusserst wertvollen Beitrag an die Entwicklung der Fachstelle geleistet. Wir danken ihm von ganzem Herzen für den grossen fachlichen und zwischenmenschlichen Einsatz!

Dass ein "würdiger" Nachfolger für ihn gefunden werden konnte, freut uns sehr. Nach dem Jahreswechsel übernimmt Rolf Widmer die Geschäftsführung unserer Fachstelle. Daneben bleibt er wie bisher teilzeitlich Direktor des Internationalen Sozialdienstes der Schweiz in Genf. Mit dieser Kombination eröffnet sich nicht nur ein erweitertes fachliches Bezugsnetz, sondern auch eine intensivere Kooperationsmöglichkeit mit der französischsprachigen Schweiz.

Für den Betriebsausschuss:
Heinrich Nufer


BILANZ UND RECHNUNG 2000

 

Bilanz 31.12.2025 31.12.2025
Kasse 331 543
Postcheck 16'040 3'979
Bank 5'767 16'282
WIR-Konti 4'363 4'859
Debitoren 19'506 24'351
Vorsteuer 2'588 3'508
Verrechnungssteuer 196 59
Vorrat Bücher 132 258
Trans. Aktiven 729 4'694
Mobiliar 5400 6'000
Computer 5'100 3'400

Total Aktiven 60'152 67'933

 

Bilanz 31.12.2025 31.12.2025
Kreditoren 7'927 8'167
Rückstellungen Mehrwertsteuer 24'462 35'375
Träger Vorschuss 12'661 0
Trans. Passiven 5'605 7'015
Fonds für Mütter und Kinder 9'176 8'582
Auf- und Ausbau fonds 6'243 6'243
Vermögen am 1. Januar -5'464 -5'922
Verlust -458 8'473

Total Passiven 60'152 67'933

 

Betriebsrechnung vom 1. Januar bis 31. Dezember
  1999 2000
Lohn- und Lohnnebenkosten 306'063 323'965
Reisespesen 4'418 4'360
Weiterbildung 4'244 2'905
Kommissionsspesen 1'505 1'550
Miete und Unterhalt 29'993 30'066
Büroaufwand 40'680 22'069
übriger Aufwand 26'605 22'438
Abschreibungen 5'159 6'496
Zuweisung / Entnahme Fonds für Mütter und Kinder 400 ---
Zuweisung / Entnahme Aus- und Aufbaufonds -12'068 ---

Total Aufwand 406'998 413'849

 

Betriebsrechnung vom 1. Januar bis 31. Dezember
  1999 2000
Tagung für wartende Paare 3'500 ---
Gebühren Informationsnachmittage 4'418 9'719
Einschreibegebühren 60'372 56'185
Platzierungen 36'079 47'628
Erlös aus Gutachten, Diverse Erträge 3'405 774
Gebühren Wurzelsuche 18'650 29'311
Gönnerbeiträge 6'337 13'981
Beiträge von Stiftungen und Fonds 15'000 27'000
Beiträge von SGF 60'000 60'200
Beiträge Verein "Rapperswil" 60'000 60'000
Beiträge SAEV 5'035 6'625
Spendenmarketing 28'505 1'043
Subventionen Kt. Zürich + Gemeinden 103'400 106'500
Zins und div. Einnahmen 1'841 3'356

Total Ertrag 406'541 422'322
Total Aufwand 406'998 413'849

Gewinn/Verlust -458 8'473
Gewinn-/Verlustvortrag -5'922 2'552

 


STATISTIK

 

  1998 1999 2000
Information      
Informationsnachmittage 11 10 11
BesucherInnen der Informationsnachmittage 122 89 105
       
Beratung      
Beratungsgespräche mit
leiblichen Müttern und Vätern
36 45 38
       
Abklärung und Vermittlung      
angemeldete Paare      
am 1. Januar für ein erstes Adoptivkind 180 176 131
am 1. Januar für ein zweites Adoptivkind 19 11 24
+ Neuanmeldungen 51 52 49
- Rückzug der Anmeldung 42 55 32
Geburt eines leiblichen Kindes 10 7 9
Adoption über andere Stellen 8 8 3
diverse Gründe 24 40 20
- Plazierungen über die Fachstelle 21 29 23
angemeldete Paare am 31. Dezember 187 155 149

Angemeldete Kinder am 1. Januar

4 11 7
+ Neuanmeldungen 36 37 31
- Rückzug der Freigabe zur Adoption 8 11 13
- Plazierungen 21 30 23
Angemeldete Kinder am 31. Dezember 11 7 2
       
Unterstützung bei der Suche nach leiblichen Angehörigen      
Aufträge in Bearbeitung am 1. Januar 12 21 32
+ Neuanmeldungen 52 75 81
- Abgeschlossene Nachforschungen 43 64 75
davon: hergestellte Kontakte 25 41 54
davon: abgelehnte Kontakte 7 8 9
davon: verstorbene Angehörige 5 6 6
davon: nicht auffindbare Mütter 2 6 6
davon: diverse Gründe 4 3 -
Aufträge in Bearbeitung am 31. Dezember 21 32 38

 


Ein Puzzle ist laut Duden ein "Geduldsspiel, bei dem kleine Teile zusammengesetzt werden müssen". Ein bewussteres Zusammensetzen des Lebenspuzzles im Sinne von "wer bin ich" beginnt in der Regel mit dem Erwachen der Pubertät. Ein Kind - ob leiblich oder adoptiert - definiert sich hauptsächlich über die Familie, in der es aufwächst. Mit dem Heranreifen der eigenständigen Persönlichkeit beginnt die Suche nach einer Definition seiner selbst.

 

DIE FEHLENDEN PUZZLETEILE

 

Um sich definieren zu können, müssen all die verschiedenen Puzzleteile, die eine Persönlichkeit ausmachen, zusammengefügt werden, damit letztlich die innere Einheit, das heisst, die eigene Identität gefunden werden kann. Neben den biologischen Faktoren, die vorgegeben sind, wie Hautfarbe, Geschlecht, Körperbau, etc., entwickelt sich die Identität aus den sozialen Erfahrungen und Interaktionen während des Aufwachsens eines Kindes, aus dem Erleben seiner selbst und aus den Erwartungen, welche es von den Eltern und dem sozialen Umfeld zu spüren glaubt.
Adoptierte haben ihre biologischen Wurzeln in der Herkunftsfamilie, sind aber der Adoptivfamilie sozial zugehörig. Dieses Wissen schafft Unsicherheiten, kann Ängste hervorrufen, wirft Fragen auf und weckt das Verlangen, mehr zu erfahren über die leibliche Herkunft, über die fehlenden Puzzleteile. Sich selbst zu finden, zu erfahren, woher man bestimmte Erschei nungsmerkmale und Eigenschaften wie zum Beispiel die blauen Augen, das aufbrausende Temperament hat, ist eine der Haupttriebfedern für die Suche nach den Herkunftseltern. Eine weitere, brennende Frage ist jene nach dem "Warum". Warum wurde ich weggegeben?
Wir erleben auf unserer Fachstelle immer häufiger, dass Adoptiveltern wirklich offen sind zu ihren Kindern. Die Herkunftseltern haben in der Adoptivfamilie in Gesprächen und Gedanken ihren Raum. Die Zugehörigkeit der leiblichen Eltern zum Schicksal des Kindes wie auch zum Schicksal der Adoptiveltern wird respektiert. Die Kinder erfahren so bereits während dem Heranwachsen einiges über ihre "Wurzeln" und über die Gründe, die zur Adoptionsfreigabe geführt haben. Dennoch bleibt meist der Wunsch, noch genauere Informationen zu erhalten, aus direkter Quelle zu hören, weshalb man als Kind weggegeben wurde. Die Tatsache des "Weggegebenwordenseins" bedeutet für die Adoptierten, auch wenn sie rational die Gründe einsehen können, gefühlsmässig eine Verletzung, die immer wieder weh tut und das Selbstwertgefühl beeinträchtigen kann. Genauso hartnäckig macht sich die Verletzung der Adoptiveltern, keine leiblichen Kinder bekommen zu haben, je nach Lebenssituation wieder schmerzlich bemerkbar, besonders dann, wenn ihre Kinder sich auf die Suche nach den leiblichen Angehörigen machen. Auch die dritte Seite des Adoptionsdreiecks, nämlich jene der leiblichen Mütter/Eltern trägt meist ein Leben lang recht schwer an der Tatsache, dass das eigene Kind weggegeben werden musste. Offenheit auf allen drei Seiten und die Bereitschaft, sich trotz Unsicherheiten und Ängsten auf das Risiko eines sich Suchens und Kennenlernens einzulassen, führt in der Regel zu einer Entspannung bei allen Beteiligten.
Viele Adoptierte haben den Wunsch, leibliche Angehörige, insbesondere ihre biologischen Eltern, kennenzulernen, um damit eine Lücke in ihrer Biografie schliessen zu können. Damit aber ein persönlicher Kontakt zu leiblichen Angehörigen hergestellt werden kann, müssen diese ihre Einwilligung erteilen, da auch deren Persönlichkeit geschützt werden muss.
Viele Herkunftsmütter freuen sich darüber, dass ihr "Kind" sie kennenlernen möchte und sind zu einem Kontakt gerne bereit. Im Vorfeld einer solchen Kontaktaufnahme kommen auf beiden Seiten bei den Müttern wie auch bei den Adoptierten viele Emotionen hoch. Fragen bewegen die Betroffenen, wie zum Beispiel: "Werden wir uns verstehen, einander sympathisch oder unsympathisch sein? Wird mein "Kind" mir Vorwürfe machen wegen der Adoptionsfreigabe?" Ein Austausch von Briefen, bevor ein persönliches Treffen stattfindet, vermag viele dieser Fragen und Ängste ein Stück weit zu beantworten, respektive zu relativieren. Ein erstes, behutsames einander Abstasten kann so noch aus einer gewissen Distanz erfolgen.
Solche Kontaktaufnahmen müssen immer sehr sorgfältig und mit Einfühlungsvermögen für die betroffenen Menschen angegangen werden. Sowohl die Adoptierten wie auch die biologischen Mütter müssen Ansprechpersonen haben, bei denen sie, wenn nötig, Unterstützung und Begleitung finden.
Der Weg zum biologischen Vater führt da dieser oft nicht bekannt ist meistens über die Mutter. Doch nicht alle Mütter sind bereit, das lange gehütete und für sie oft mit schmerzhaften Erinnerungen verknüpfte Geheimnis preiszugeben. Allenfalls erzählen sie etwas über die Persönlichkeit, das Aussehen und den Beruf des Vaters, was auch dazu beiträgt, das Puzzle zu ergänzen.
Aus verschiedenen Gründen auf die zum Teil in den folgenden Beiträgen noch näher eingegangen wird haben nicht alle Adoptierten die Möglichkeit, ihr Puzzle durch das Kennenlernen der leiblichen Eltern zu vervollständigen. Diese jungen Menschen brauchen deshalb von Adoptiveltern und wenn nötig von Fachpersonen Unterstützung dabei Ergänzungsteilchen zurechtzuschleifen, die sich gut in das Gesamtbild der Persönlichkeit der/des Adoptierten einfügen lassen. Diese Teilchen werden nicht in jeder Nuance die richtige Farbe und Form haben, sie werden von Zeit zu Zeit da und dort drücken, aber sie können viel zur Herstellung der inneren Einheit der/des Betroffenen beitragen.
Es bleibt zu hoffen, dass durch grössere Offenheit aller Betroffenen, durch mehr gegenseitiges Verständnis und höhere Toleranz nicht zuletzt auch in der Gesellschaft in Zukunft immer weniger Adoptierte die Lücken in ihrem Lebenspuzzle durch mehr oder weniger passende Ersatzteilchen schliessen müssen. Wir sind darum bemüht, unseren Beitrag dazu sowohl im zwischenmenschlichen Bereich wie auch durch Öffentlichkeitsarbeit zu leisten.

Veronika Weiss

 


DER UMGANG MIT DEN WURZELN DER ADOPTIVKINDER

 

Wir Menschen sind Teil einer Generationenreihe, in die wir als Individuum von der Zeugung bis zum Tod hineingestellt sind. Damit wir uns selber annehmen können wir wissen, dass dies eine Grundvoraussetzung für ein lebenswertes Leben ist müssen wir unsere Geschichte kennen und uns damit auseinandersetzen können.


Dies ist oft ein lebenslanger Prozess. Wenn wir unsere Herkunft nicht kennen, fühlen wir uns wie ein Baum, dessen Wurzeln abgeschnitten wurden. Uns fehlt der sichere Boden, wir fühlen uns wie ein Blatt im Wind, jedes kleinste Lüftchen bringt uns in Bewegung, und wir verlieren die sichere Orientierung.

Wurzeln bringen dem Baum Stabilität und Sicherheit, aber auch Nahrung, Lebensenergie. Wir müssen diesem Kreislauf der Generationen angeschlossen sein, wollen wir unsere Kraft und Energie spüren und zur Verfügung haben.
Auch für Adoptivkinder ist es unabdingbar, soviel wie möglich über ihre Herkunft zu wissen und den Grund zu kennen, weshalb sie nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen können. Nur so können sie die für jeden Menschen lebenswichtige Identität entwickeln. Solche Informationen können Adoptivkinder in erster Linie von ihren Adoptiveltern erhalten, die diese ihrem Kind altersgemäss während seines Aufwachsens vermitteln können.

Nicht nur für ihre Kinder, sondern auch für die
Adoptiveltern selbst sind solche Informationen wichtig. Dort nämlich, wo wir nichts wissen und auf Vermutungen angewiesen sind, entwickeln sich Phantasien und Ängste, die übermächtig werden können. Wenn aber Adoptiveltern, die
leiblichen Eltern ihrer Kinder von Bildern, schriftlichen Nachrichten oder sogar persönlich kennen und die Gründe, die zur Adoption führten, nachvollziehen können, werden ihnen diese anderen Eltern vertrauter sie sind ja ohnehin ein Teil ihrer Kinder und was vertraut ist, mit dem kann man sich auseinandersetzen, es macht weniger Angst. Das Wissen über eine eventuell schlimme Vergangenheit und das Herkommen des Kindes kann bei Adoptiveltern aber auch Angst auslösen und sie sehr belasten. Fremde Gene können zu belastenden Entwicklungen führen, müssen es aber nicht. Sie können auch Verheissungen sein, Neues in eine Familie bringen. Auch leibliche Eltern müssen oft Abschied nehmen von Erwartungen, die sie an ihre Kinder haben und ihnen zugestehen, dass sie sich in einer ihnen vielleicht fremden Art entwickeln. Wenn wir die Eigenständigkeit unserer Kinder annehmen und unterstützen, wird unsere Kraft in ihre Entwicklung einfliessen.
Es gibt nun aber auch Adoptivkinder, deren Wurzeln ganz und gar unbekannt sind. Bei ausgesetzten Kindern oder bei Kindern aus Drittweltländern wissen wir oft überhaupt nicht, woher sie stammen und was der Grund zur Adoption war.

In meine psychotherapeutische Praxis brachten die Eltern ein Kind, das als Säugling in einem Plasticsack ausgesetzt und nur zufällig gerettet worden war. Dieser Junge zeichnet sich mit 9 Jahren als Menschen, der nur aus Kopf, Armen und Beinen besteht, in der Mitte, wo der Rumpf sein sollte, ist nur ein Loch. Dieses Loch, das ihn in die Dunkelheit hinabzieht, ist auch in der Therapie dann immer wieder Thema. Er braucht im Alltag ständig einen Erwachsenen, der ihm Halt gibt, sonst rastet er in der Kindergruppe aus und verhält sich so auffällig, dass er alle stört.
Solchen Kindern, deren unerklärliches Schicksal uns sehr bewegt, fehlt die nötige Verwurzelung ganz und gar. Einige von ihnen brauchen lebenslange Unterstützung, um die an ihrem Ursprung stehende existentielle Krise soweit überwinden zu können, dass sie ihr Leben selbständig führen können. Es ist immer noch zu wenig bekannt, dass Deprivationen selbst während der Schwangerschaft und in der ersten Lebenszeit zu schwerwiegenden psychischen Problemen führen

können, die oft jahrelange Psychotherapie erforderlich machen. Andererseits ist auch hier zu betonen, dass es immer wieder Kinder gibt, die aus einer schrecklichen frühen Kindheit relativ unversehrt hervorgehen, manchmal im Überleben sogar besondere Stärken und Fähigkeiten entwickeln.

Die Adoptivvermittlungsstellen fordern heute zu Recht, dass bis zum Eintritt in den Kindergarten mit dem Kind über seine Adoption gesprochen werden soll. Am leichtesten ist ein solches Thema wohl zu bewältigen, wenn man es ganz natürlich angeht, wenn Fragen von den Kindern kommen. Dies wird normalerweise schon sehr früh der Fall sein, sobald eben Kinder sprechen und Fragen stellen können. Die Antworten werden zuerst sehr einfach sein, später immer detaillierter und genauer ausfallen, sie werden aber immer der Wahrheit gemäss sein müssen. Ein kleines Kind werden die Eltern noch nicht mit einer harten Wahrheit konfrontieren, sondern eher auf liebevolle Weise Verständnis schaffen für die leibliche Mutter und das Kind so vorbereiten, dass es später auch schlimme Tatsachen hören kann. Kinder spüren, ob ihre Fragen natürlich beantwortet werden oder ob diese für die Eltern unbequem und schwierig sind. Im zweiten Fall werden sie es merken und keine Fragen mehr stellen. Auch wenn man gar nichts weiss über die Herkunft seines Kindes, kann man mit dem Kind über seine leiblichen Eltern sprechen, dann wohl mehr in der Art, dass man sich gemeinsam fragt, wie diese wohl sein könnten, wie sie wohl aussehen, was die Gründe für die Adoption hätten sein können etc. Adoptiveltern wollen oft alles nur fast zu gut machen; sie sollen sich mit diesen Aufklärungsgesprächen auch nicht überfordern, sondern sie natürlich entstehen und zeitweise auch wieder ruhen lassen.

Eine erwachsene Adoptierte aus einem Drittweltland erzählte, dass ihre Eltern in Ermangelung des Wissens über ihre Herkunft, sehr oft mit ihr darüber gesprochen hätten, wie sie zu ihnen gekommen sei mit allen Details und immer wieder und dass sie versuchten, ihr den Weg zu ihrer ursprünglichen Heimat zu ebnen, indem sie ihr viel über dieses Land erzählten und zeigten.

Wenn das Thema Adoption ein begleitender Gesprächsinhalt zwischen Eltern und Kindern ist, dürfte auch die Frage nach einem eventuellen Kennenlernen der leiblichen Mutter schon bald ein Thema sein. Günstig ist es, wenn der Anstoss dazu von den Adoptiveltern ausgeht, denn Kinder haben eine sehr feine Antenne, welche Themen ihren Eltern angenehm sind und welche nicht. Dadurch, dass die Eltern davon sprechen, geben sie ihrem Kind die Erlaubnis, einen solchen Wunsch überhaupt wach werden zu lassen. Die Unterdrückung eines solchen Wunsches hingegen kann bei jugendlichen Adoptierten, die nach ihrer Identität suchen, zu grosser Unrast werden. Der Gedanke an ihre Herkunft treibt sie um und kann die Konzentration auf die in dieser Zeit wichtigen Aufgaben stören. Prinzipiell ist es ein gutes Zeichen, wenn dieses Bedürfnis bei den Adoptivkindern auftritt. Es zeigt, dass in einer solchen Familie offen mit dem Thema umgegangen wurde und bei Eltern und Kindern keine besonderen Ängste bestehen. Nicht immer muss dieses Kennenlernen so heftig geschehen wie in dem folgenden Beispiel:

Eine Adoptivfamilie mit zwei Töchtern in der Pubertät suchte mich auf, weil die jüngere, dreizehnjährige Tochter von sich aus im Heimcomputer die Telefonnummer ihrer leiblichen Mutter (deren Namen sie kannte) gesucht und diese spontan angerufen hatte. Diese befand sich auf einer Fahrt im Auto unterwegs, war völlig unvorbereitet, und man kann sich leicht vorstellen, was dadurch bei allen Beteiligten für eine Lawine an Gefühlen ausgelöst wurde.

Im gemeinsamen Gespräch konnte die Adoptivmutter ehrlich zu ihren Ängsten, zu ihrer Wut stehen und die Tochter einsehen, dass sie unüberlegt gehandelt hatte. Zum Glück hatte diese Familie vorher einen guten tragfähigen Boden gelegt, so dass die Familienmitglieder dann gemeinsam entsprechende vernünftige Schritte planen und angehen konnten, bei denen sie von der Adoptivvermittlungsstelle tatkräftig unterstützt wurden. Vielleicht sollte man eher etwas skeptisch sein, wenn der Wunsch, die leibliche Mutter kennenzulernen bei Adoptivkindern gar nicht auftritt. Vermutlich sind sie in ihrer eigenen Identität und in ihrem Zugehörigkeitsgefühl den Adoptiveltern gegenüber noch nicht so ganz sicher, dass sie sich neuen diesbezüglichen Belastungen aussetzen mögen. Da ist es natürlich ebenso wichtig, diesen Kindern Zeit zu geben und sie nicht zu drängen. Auf jeden Fall ist es wichtig, dass eine Begegnung Adoptivkind/leibliche Mutter immer sehr gut vorbereitet wird. Die Adoptivvermittlungsstellen sind dazu besonders gut in der Lage, kennen meist alle Beteiligten und sind gerne bereit, die nötige Hilfe und Unterstützung zu leisten.

Dr.phil. Annemarie Schütt - Baeschlin
Psychotherapeutin FSP



REAKTIONEN BETROFFENER

 

"Theoretisch wissen wir, dass wir keine "Angst"
zu haben brauchen"...
"*Nadjas leibliche Mutter suchte vor deren 16. Geburtstag mit ihr Kontakt. Nach Gesprächen mit verschiedenen Fachpersonen entschieden wir uns, Nadja über diesen Wunsch zu informieren. Umso mehr, als Nadja immer wissen wollte, wer ihre Eltern seien, ob sie Geschwister habe oder andere Verwandte. Wir als Adoptiveltern hätten uns einerseits diesen ersten Kontakt zu einem späteren Zeitpunkt gewünscht, da Nadja mit 16 Jahren noch in ihrer Entwicklung zur Erwachsenen steht. Andererseits war *Silvie (die leibliche Mutter) in Gedanken immer ein Mitglied unserer Familie. Auch haben wir immer auf Nadjas Fragen reagiert, ihr dabei aber nicht über alles Auskunft gegeben. Theoretisch wissen wir, dass wir keine "Angst" zu haben brauchen, dass Nadja sich von uns abwenden und ihre leiblichen Eltern bevorzugen könnte. Trotzdem sind wir auf die erste persönliche Begegnung gespannt.- Nadja hatte sich in ihren Gedanken vorgestellt, dass ihre leibliche Mutter verheiratet sei und noch andere Kinder, Nadja also Geschwister habe. In ihrem ersten Brief erzählt Silvie über sich und ihre Situation. Und die ist ganz anders als Nadjas Vorstellung. So wurde sie enttäuscht und probiert nun, mit der Realität zu leben. Auch hat sie begriffen, dass ein langsames Kennenlernen wichtig, richtig und gut ist."
*Namen geändert

"Sie hat mich zutiefst verletzt".
"Heute muss ich sagen, dass ich meine leibliche Mutter nicht verstehe und nicht verstehen möchte. Ich denke wir, sie und ich, sollten jetzt in einem Alter sein, wo man offen und ehrlich über vergangene und geschehene Situationen reden können sollte. Oder erwarte ich zuviel? Ich weiss es nicht. Sie hat mich zutiefst verletzt. Meine leibliche Mutter nimmt mir dadurch jede Möglichkeit, etwas über meine tiefsten Wurzeln in Erfahrung zu bringen. Durch ihr Schweigen enthält sie mir auch die Möglichkeit, etwas über meinen Vater zu erfahren, vor. Im Moment leide ich sehr unter dieser Situation, denn ich befinde mich in einer Phase, wo ich mich neu kennenlerne und ich in meinem Leben an einer Wende stehe. Und meine Vergangenheit, von der ich nichts weiss, gehört mit dazu. Da sind plötzlich Ängste von denen ich nichts gewusst habe und ich möchte gerne wissen woher sie kommen, damit ich sie verstehen kann."

"Wir geniessen eine wunderbare Zeit"!
"Wir möchten Ihnen danken, dass Sie uns das Zusammenfinden ermöglicht haben. Im Moment geniessen wir ein gemeinsames Wochenende und sind sehr glücklich zusammen! Auch das ganze Umfeld stimmt. Es sind uns alle wohlgesinnt. Wir geniessen eine wunderbare Zeit!"

"Ich bin froh, dass meine Frau mich ermuntert hat, die leibliche Mutter zu suchen" ...
"Das Treffen ist positiv verlaufen, wir sind beide
aber an diesem ersten Treffen zusammen mit dem Ehemann der Mutter nicht so in die Tiefe gegangen. Wir haben uns gut unterhalten und werden auch zukünftig in Kontakt bleiben. Die ehelichen Kinder der Mutter sind nicht informiert und vorläufig bleibt es auch so. Ich bin froh, dass meine Frau mich ermuntert hat, die leibliche Mutter zu suchen und kennenzulernen, denn das Gefühl weggegeben worden zu sein und nicht zu wissen warum, steckte immer in meinem Hinterkopf. Jetzt bin ich erleichtert." Auch die leibliche Mutter telefoniert und teilt mit, dass der Kontakt zu ihrem leiblichen Sohn gut verlaufen ist.

"Das ganze Kennenlernen war mit einiger Aufregung verbunden".
"Wir möchten uns ganz herzlich bedanken für die Zusammenführung unserer Halbschwester mit unserer Mutter und natürlich auch mit uns. Wir bedanken uns für die Behutsamkeit und das Dasein für Gespräche. So sehr sich unsere Mutter den Kontakt wünschte, hatten wir natürlich auch Bedenken und Angst. Das ganze Kennenlernen war mit einiger Aufregung verbunden, aber alle Beteiligten erlebten dieses Kennenlernen als sehr schön. Wir hoffen, unsere Schwester hat noch einige Zeit, unsere Mutter besser kennenzulernen, obwohl auch mit jedem Gespräch dieses Kennenlernen ein Abschiednehmen sein wird."

Jahrelang wird in der Familie nicht darüber geredet ....
Als junges Paar geben Herr und Frau X ihr erstes Kind nach längerem Zögern zur Adoption frei. Sie heiraten später und haben weitere 4 gemeinsame Kinder. Den erstgeborenen Sohn nennen sie gleich wie den zur Adoption gegebenen Sohn. Jahrelang wird in der Familie nicht darüber geredet, erst als dieser eheliche Sohn seinerseits ein Kind adoptiert und ihn wiederum gleich benennt, bricht das Schweigen auf. Die Schwester formuliert folgendermassen: "Ich habe meinen Bruder vor zwei Wochen getroffen. Er sieht aus wie unser Vater in jungen Jahren. Wir beide haben vor der Begegnung "gezittert", uns jedoch sofort gut verstanden, offen miteinander geredet, ganze fünf Stunden. Es ist nun alles so neu, ich habe den Eindruck, das ganze Leben werde "umgekrempelt". Nun bin ich plötzlich die Drittälteste. Langsam und behutsam werde ich meinen ältesten Bruder nun in unsere Familie einführen."

"Zu diesem Essen bin ich ohne grosse Emotionen gegangen"
Die Mutter ist glücklich, weint vor Freude als sie hört, dass ihr erster Sohn einverstanden ist, sie kennenzulernen. Sie orientiert ihre Kinder, die nicht alle von der Existenz dieses Halbbruders wissen. Der ganze Familienclan trifft sich zum
ersten Mal anlässlich des 40. Geburtstages des Sohnes zu einem gemeinsamen Essen auswärts. Herr S.: "Zu diesem Essen bin ich ohne grosse Emotionen gegangen. Anderntags besuchte ich meine leibliche Mutter erstmals alleine und dann erging es mir schon anders. Ich bin ohne Geschwister aufgewachsen und ich finde es sehr schön, nun eine grosse Familie erhalten zu haben. Meine Mutter wohnt heute wenige Strassen weiter als früher meine Patin und so kenne ich ihre Stadt gut. Meine Familie, Frau und Kinder, haben Freude am Geschehenen!"

"Ich kann nun gut akzeptieren, dass meine leibliche Mutter verstorben ist."
Frau A. weiss, dass sie spät dran ist mit der Suche nach ihrer leiblichen Mutter und rechnet damit, dass diese vielleicht bereits verstorben ist. Nach unseren Abklärungen bewahrheitet sich dies. In unseren Akten steht aber doch einiges über die leibliche Mutter, die Umstände die zur Adoptionsfreigabe geführt haben. Vieles können wir bei einem gemeinsamen Gespräch erhellen. Frau A.: "Ich bin froh, dass ich dieses Gespräch suchte, jetzt ist mir an mir selbst vieles verständlicher geworden. Ich kann nun gut akzeptieren, dass meine leibliche Mutter verstorben ist."


"Jahrelang habe ich nach ihnen gesucht. Ich wollte eigentlich ein SuchInserat starten."
Reaktion des Vaters: "Ich würde meine Töchter sehr gerne kennenlernen. Jahrelang habe ich nach ihnen gesucht. Ich wollte eigentlich ein SuchInserat starten. Wir, die Mutter der Kinder und ich, waren damals zu jung, die Verantwortung zu übernehmen. Der Seelenschmetter den ich anschliessend jedoch erlebte, war riesig und ich stürzte ab! Heute geht es mir gut."

Marianne Tosconi Ursula Rutishauser
Veronika Weiss

 


WER BIN ICH? WOHER KOMME ICH? WAS IST MEIN ICH WERT?

 

Als eine junge Frau, die in ein Strafverfahren verwickelt war, mich anrief und mich um ein erstes Therapiegespräch bat, nannte sie ihren Namen und fügte bei: "So heisse ich, obwohl ich nicht weiss, was der Name mit mir zu tun hat." Sie war in einem osteuropäischen Land in Waisenhäusern aufgewachsen, ohne Kenntnis ihrer Mutter, die sie nach der Geburt in einem öffentlichen Garten der staatlichen Adoption ausgesetzt hatte. Keine Erinnerung blieb ihr an die ersten sechs Lebensjahre. Vom zwölften Altersjahr an war sie missbraucht worden, gebar mit sechzehn Jahren ein erstes Kind, ein Mädchen, das sie zur Adoption freigab, aber nach wenigen Wochen erfuhr, dass es im "Durchgangsheim" gestorben war, worauf sie ihr Land verliess. Sie zog in ein nordeuropäisches Land, lebte von Schwarzarbeit in Fabriken, gebar infolge verschiedener flüchtiger Beziehungen zwei weitere Töchter, für die sie nicht zu sorgen vermochte und sie wieder weitergab, schliesslich einen Sohn, den sie bei sich behielt und alleine aufzuziehen beschloss. "Den Mädchen, die ich geboren habe, soll es besser gehen als mir. Eine verlässlichere Mutter sollen sie haben, als ich es für sie sein könnte", sagte sie mehrmals. Da in ihrem Land Kriegsgewalt herrschte, versuchte sie, mit dem kleinen Knaben in der Schweiz Unterschlupf zu finden, mit dem Wissen um ihre Verantwortung, zugleich aber war sie, ohne Erfahrung stärkender und sichernder Beziehung, täglich von Ängsten besetzt, dass ihr dieses Kind entzogen würde, wenn sie nicht als "gute Mutter" Anerkennung finden konnte.
Die Therapie, der sie anfänglich als gehorsames Verhalten gegenüber den Behörden zustimmte, wurde nach kurzer Zeit zu einem Weg in die vielen Schichten ihres seelischen Leidens. Dabei gelang es ihr, mit Gefühlen der Wut zu schreien, auch zu wimmern und zu schluchzen, mit der Stimme der Verzweiflung in ihr, aber nach und nach über die Lebenskraft ihres eigenen Ichs zu staunen und allmählich dieses Staunen in ein Gefühl der stärkenden Fürsorge für sich selber und für ihr Kind zu verändern. Als sie einige Monate später die Schweiz verlassen musste, war ihr bewusst, dass sie erstmals durch die Aufarbeitung ihrer Geschichte die unbekannte Herkunftsinsel mit dem Namen "Mutter" in welcher sie ihre Wurzeln hatte, akzeptieren konnte. Zugleich wünschte sie, dass ihre zwei Töchter, für die zu sorgen sie keine Möglichkeit in sich hatte finden können, von wirklich guten Ersatzmüttern begleitet waren, aber auch dass diese Töchter sich eines Tages auf den Weg machen würden, um sie als Mutter zu finden.
Die individuelle Besonderheit menschlichen Lebens, die mit der Geburt eines Kindes sichtbar und spürbar wird, ist während der Schwangerschaft mit der mütterlichen Zustimmung zum Leben des noch ungeborenen Kindes verknüpft, wird jedoch durch schweren seelischen Schmerz geprägt, wenn die Mutter das Kind preisgibt und fremder Sorge überlässt. Ein doppelt plagender, ständiger Hunger mag in der Folge das Kind prägen: sowohl der Hunger nach sicherer persönlicher Zugehörigkeit, der sich zur Frage "Wer bin ich wirklich?" zuspitzen kann, d.h. zur Frage nach dem Wert der Individualität, wie der Hunger nach "Freiheit", die Hannah Arendt mit der "Gebürtlichkeit" verbindet, die aber durch die dem Kind auferzwungenen Verlorenheit wie verschlossen bleibt, so dass sich die Kindheit als Geschichte der Kolonisation einprägen kann, in welcher das Sichselber-Fremdsein zum gefährdenden Leiden anwächst.
Zwar sind in jedem Menschen die unterschiedlichen, häufig dunklen Herkunftsgeschichten von Mutter und Vater sowie deren Eltern spürbar wie ein fremder Teil des Ich, wie ein verschlossener Grund von Leiden, das in der Pubertät schwer werden kann wie eine hemmende und lähmende Barrikade, oder schwarz wie ein verschlossenes Tunnel, das alle weiteren Schritte beeinflusst oder gar festhält. Doch mag sich dieses Leiden Wechsel der Beziehungssicherheit und dadurch der IchZugehörigkeit auferlegt wurde, noch schwerer auswirken. Zugleich aber ist es möglich, dass das Empfinden der sicheren und liebevollen Verlässlichkeit jener Eltern, die sie in der Bedeutung ihres Menschseins als ihr Kind "angewählt" resp. auserwählt haben (adoptiert, abgeleitet vom lateinischen "ad" an, "optare" wählen), sie in starkem Mass zu stützen vermag. Doch immer bedarf die komplexe Zeit des Abschieds von der Kindheit über die Pubertät ins Erwachsenwerden einer zusätzlichen Sorgfalt. Immer wieder geschieht es, dass sich anstelle eines konstruktiven Aufruhrs Fluchtversuche in Süchte oder in destruktive Widerstände gegen wohlwollende "Fremdbestimmung" kundtun, dass sich auch gefährdende Depressivität als Folge früher Trauer entwickelt. Um die schwierige Zeit des Wandels vom Kindsein zum Erwachsenenleben auf stärkende Weise zu begleiten, ist es ständig erfordert, den Wert des IchSeins aus dem Zweifel zu lösen, der durch den Verlust der tragenden Mutterbeziehung wie durch die Unklarheit der Herkunftsgeschichte entstand.

Dr. Maja Wicki, Zürich
Philosophie-Psychoanalyse-Traumatherapie

 


HERZLICHEN DANK!

 

Wiederum haben wir lokale Vormundschaftsbehörden, für die wir Adoptivpflegeplätze vermitteln konnten, um einen freiwilligen Beitrag ersucht. Wir haben Gehör gefunden in:

Au/SG
Aarwangen
Mels
Grindelwald
Heimiswil
Lenk
Aadorf
Lenzburg
Münsingen
Niederbipp

Die folgenden SGF-Sektionen haben uns 2000 unterstützt:

Aadorf, Aarau, Altstätten, Amsoldingen, Baden, Bassersdorf, Bergün, Bern, Berneck, Brienz, Davos-Dorf, Dürnten, Embrach, Glarus, Gränichen, Gsteig, Gunten, Interlaken, Kerzers, Kirchberg, Kriens, Lenzburg,
Liestal, Lützelflüh, Luzern Kanton, Luzern Stadt, Magden, Malans, Malters, Netstal, Nidau, Niederbipp, Oberurnen, Ostermundigen, Rapperswil, Rebstein, Reinach, Reutigen, Samedan, Schöftland, Solothurn, Steckborn, Stein am Rhein, Tamins, Thierackern, Thun, Thusis, Uetikon a. See, Unterseen, Uster, Uznach, Zürich-Altstetten, Zürich -Höngg, Zürich

 

Die Unterstützung durch private Gönner, Fonds und Stiftungen ist für uns nach wie vor sehr wichtig. Noch immer haben wir keine gesicherte finanzielle Basis, die uns erlauben würde, unsere Kernaufgaben sowie den Ausbau unserer Fachstelle mit etwas weniger "Rechenakrobatik" wahrzunehmen.

 

Wir danken

Frau Esther Bischof, Stäfa
der Kinder und Bergbauern-Stiftung Luzern
der AVINA-Stiftung Hurden
der Göhner-Stiftung, Zürich
der Winterhilfe des Kt. Zürich
Der Rosenfeld'sche Stiftung
der Hugo Looser-Stiftung
den SGF-Sektionen
der Schweizerischen Adoptivelternvereinigung
dem Kanton Zürich für die Subvention von
der Fondation Kerma
der Stadt Aarau
dem Kanton Glarus
dem Kanton Appenzell Appenzell IR
der Stadt Bellinzona
den lokalen Vormundschaftsbehörden
und den vielen privaten Gönnern


für Franken

1'500
500
10'000
3'000
2'000
1'000
5'000
17'280
6'630
85'000
5'000
3'000
2'000
150
500
15'350
30'480


Unser PC-Konto für Ihre Spende: 80-24270-4

 


EIN HERZLICHES DANKESCHÖN

richten wir an unsere ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen, die sich auch in diesem Jahr in folgenden Bereichen mit grossem Engagement eingesetzt haben:


Frau Kathrin Joye, Dokumentation
Frau Antje Bruckhaus, Dokumentation
Frau Eliane Weber, Beratung in juristischen Fragen