QUALITTSENTWICKLUNG
IM
EUROPISCHEN PFLEGEKINDER- UND ADOPTIONSWESEN
Dr. Elisabeth Lutter, Pdagogin, Wien
Zunchst darf ich mich bei den Veranstaltern dieser Tagung bedanken fr die Ehre, Ihnen meine Erfahrungen und Perspektiven zum Pflegekinderwesen darlegen zu knnen. Bei der Vorbereitung dieser Ausfhrungen habe ich auch fr mich selbst Bilanz gezogen ber die knapp 25jhrige Entwicklung auf diesem Gebiet in sterreich und international, die ich inzwischen aktiv miterlebt und auch mitgestaltet habe. Ich mchte Sie einladen, mit mir im Zeitraffer dieses letzte Vierteljahrhundert durchzugehen, denn ich denke, vor diesem Hintergrund wird die Folgerichtigkeit des Zukunftskonzepts, das ich Ihnen vorstellen mchte, deutlich.
Mein Leitgedanke Zukunft braucht Herkunft - passt, scheint mir, in doppelter Hinsicht zu einer Fachtagung wie dieser: Sie ist Anlass zur R c k schau auf die Entwicklungen im eigenen Land und (wenigstens ansatzweise) im vergleichbaren Ausland; und sie soll, gerade vor dem Hintergrund festzustellender Defizite, eine Plattform zur A u s schau nach den Perspektiven fr notwendige knftigeVerbesserungen sein.
Zugleich will dieser Leitgedanke aber auch die zentrale Herausforderung und Schwierigkeit der Aufgabenstellung von Pflege- und Adoptiveltern, ihren Organisationen und allen befassten Behrden und Fachdisziplinen ins Zentrum smtlicher berlegungen stellen: die ihnen anvertrauten Kinder haben eine meist belastete H e r k u n f t , mit der sie sich konstruktiv auseinandersetzen und Frieden schlieen mssen, um leib-seelisch gesund in ihre eigene Z u k u n f t wachsen zu knnen. Pflege- und Adoptiveltern sollen sie dabei untersttzend begleiten, Hebammendienste leisten wrde Sokrates sagen - bei der Entfaltung der Persnlichkeit. Und sie haben es dabei mit einer beraus komplexen Problematik in einem strukturell unbersichtlichen Feld an der Grenzlinie zwischen ffentlichem Auftrag und familirer Privatsphre zu tun.
In den letzten 20 Jahren ist in zunehmendem Mae europaweit die Tendenz zu einer Qualifizierung und folgerichtigerweise auch Professionalisierung des Pflegekinderwesens bemerkbar. Das entspricht der Erkenntnis, die schon Bruno Bettelheim auf die bekannte Formel gebracht hat: Liebe allein gengt nicht. Die Zukunft gehrt also zweifellos der Professionalisierung. Aber sie zieht nur langsam herauf - und das hat mit der Herkunft, dem Bisherigen, zu tun: Je mehr kritisch-reflektiert und zugleich positiv-konstruktiv wir uns mit dem herkmmlichen Pflegekinder- und Adoptionswesen auseinanderzusetzen bereit sind, desto differenzierter (und daher besser) werden wir Neues zulassen knnen und uns zugleich zu Altem bekennen.
Freilich ist dabei mit verzgernden Elementen und mit Widerstnden zu rechnen: aufgrund von Verunsicherung durch Ungewohntes, oder aus Angst vor Misserfolgen mit neuen Anstzen, zumal angesichts der Erwartungshaltungen und des Erfolgsdrucks seitens der ffentlichkeit.
Dazu kommt noch eine weitere Hrde: Die Komplexitt des Pflegekinder- und Adoptionswesens setzt eine prinzipiell systemisch-integrative, d.h. auch fach- und institutionsbergreifende Herangehensweise voraus. Dabei geht es immer, in unterschiedlichster Weise um das Zulassen eines Sowohl-als auch, nicht um das Durchsetzen eines Entweder-oder, und zwar in allen Bereichen: zwischen Eltern und Pflegeeltern, ffentlicher Hand und privaten Trgern, Humanwissenschaften und Juristen. Das bedeutet Verzicht auf alleinige Wissens- und Macht-/d.h. Entscheidungsansprche zugunsten von gemeinsamen Lsungen,Kompromissen. Dieses Anerkennen des Werts einer jeweils anderen Seite oder Sichtweise fllt auf allen Ebenen schwer und verzgert den Entwicklungsproze in die richtige Richtung.
Vor diesem theoretischen Hintergrund mchte ich zunchst den allgemeinen gegenwrtigen Wissensstand mit der Alltagsrealitt im Pflegekinderwesen, speziell auch aus der Sicht der sog. Freien Jugendhilfetrger, vergleichen.
Anschlieend wird als Beispiel fr aktuelle europisch-transnationale Anstrengungen zur Entwicklung einheitlicher Qualitt im Bereich der familialen Fremdpflege von Kindern das EU-Projekt CINDERELLA vorgestellt. Sein Auftrag (und Ergebnis) war es, zwei zentrale Anliegen des Pflegekinderwesens zu vereinbaren: erstens das Bedrfnis (und Recht!) jedes Kindes auf Familienerziehung und auf Qualitt dieser Betreuungsform gerade unter den besonderen Bedingungen von Beziehungsabbrchen und Traumatisierungen bei Pflegekindern; und zweitens die Entwicklung eines Pflegeeltern-Anforderungsprofils, das diesem Bedrfnis und Recht des Kindes gerecht wird, einschlielich der erforderlichen Ausbildung, d.h. ein Qualifizierungs-und Professionalisierungskonzept.
CINDERELLA gilt deswegen zu Recht als beispielhaft fr einen deutlichen europischen Trend auf diesem Gebiet, weil das Projekt mit 15 Partnern nicht nur die bisher berhaupt grte Gemeinschaftsinitiative der EU war, sondern weil dieses Partner-Netzwerk tatschlich Europa reprsentiert: von England bis Sizilien, von Belgien ber sterreich bis zum stlichen Deutschland. Dabei sind sowohl sterreich als auch Italien mit jeweils 5 Organisationen vertreten, die wiederum ein Netzwerk quer ber das jeweilige Land bilden, so dass alle relevanten Regionen (Stadt-Land, Nord-Sd, Ballungsrume und benachteiligte Gebiete) mit ihren typischen Mentalittsunterschieden, Traditionen und aktuellen Bedrfnissen sowohl in den angestellten Ist-Stand-Erhebungen als auch in den darauf aufbauenden Anstzen und Pilot-Angeboten fr ein qualittsorientiertes Zukunftsmodell im Rahmen des CINDERELLA-Projekts erfasst wurden.
Alle dabei angestellten berlegungen fhlen sich letztlich immer auf dem konkreten einzelnen Kind verpflichtet, das Pflege- bzw. Adoptiveltern anvertraut wird: Diese knnen ihm eine konstruktive Auseinandersetzung mit seiner Herkunft, seinen Eltern, seiner Geschichte und damit eine befriedigende Identittsfindung als Grundlage einer eigenstndigen Zukunft und eines geglckten Lebens nur ermglichen, wenn sie fr Partnerschaftlichkeit - ebenso in der Elternarbeit wie in einer vernetzten Kooperation im Helfersystem prinzipiell offen sind. Diese Haltung und das dazu ntige Grundwissen zu vermitteln und bei den (fast selbstverstndlichen) Schwierigkeiten in der Umsetzung kompetent beratend und begleitend zur Seite zu stehen, ist die notwendige und einzufordernde Aufgabe der Jugendhilfe, also auch der Pflege- und Adoptivelternvereine als Freie Jugendhilfetrger. Sie sollten deswegen auch wohl besser Pflegekinder-Vereine heien, um sich nicht einseitig als Pflegeeltern-Gewerkschaft zu verstehen und damit gerade die im Interesse des Kindes notwendige systemische Allseitigkeit zu konterkarieren.
Vorausschicken will ich, da wir uns der Spannungsfelder durchaus bewut sind, die in einem Professionalisierungsansatz fr das Pflegekinderwesen enthalten sind zustzlich zu den komplexen Problemen, mit denen Pflegefamilienarbeit an sich schon zu tun hat, oder wohl gerade deshalb, weil unser Ansatz sich dieser Komplexitt stellen will und dazu entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen werden mssen, die ber die herkmmliche Einschtzung und Einsetzung von Pflegeeltern hinausgehen.
Die Anforderungen an Pflegeeltern haben sich nachweislich (die Fachliteratur ist voll davon!) mit der rasanten gesellschaftlichen Entwicklung gendert, und dementsprechend mssen sich auch inhaltlich berholte Organisations- und Kooperationsstrukturen ndern. Kathrin Zatti von der Schweizerischen Fachstelle fr das Pflegekinderwesen bringt es auf den Punkt: Die Arbeit der Pflegeeltern... ist anspruchsvoller und vielfltiger geworden. Das herkmmliche System des Pflegekinderwesens gengt nicht mehr. Es braucht Investitionen (fr Innovationen, ist gemeint) und zwar jetzt... Mit veralteten Strukturen und berholtem Bewutsein den neuen Aufgaben zu gengen, gleicht dem Versuch, mit einer Pferdekutsche auf der Autobahn vorwrts zu kommen. (In: Netz 3/98, S. 7, 8)
Und Robert Jungk sagt: Nur wer die Zukunft im Vorausgriff erfindet, kann hoffen, sie wirksam zu beeinflussen. Visionen sind also notwendig, und zwar im Sinne von Realutopien!
Gestatten Sie mir, dies am Beispiel sterreich zu verdeutlichen.
Im Rckblick zeigt sich, da im (sterreichischen) Pflegekinderwesen etwa in einem 10-Jahres-Takt entscheidende Reformweichen gestellt wurden:
Das begann, als ein Effekt der 68er-Studentenbewegung und der durch sie ausgelsten Gesellschaftsreform, in den 70er Jahren mit dem Ruf: Holt die Kinder aus den Heimen! Damit wurde die Pflegefamilienerziehung erstmals zu einer ernst genommenen Alternative gegenber der Heimunterbringung, deren Anhngsel sie bis dahin nur war. (In sterreich befanden sich z.B. damals etwa zwei Drittel der fremduntergebrachten Kinder in Heimen!)
Mit dieser verstrkten Zuwendung zur familialen Fremdunterbringung geht die Wahrnehmung massiver Defizite und entsprechend notwendiger Verbesserungen auf sozialpdagogischer, administrativer und legislativer Ebene einher. Ganz im Sinne des Selbsthilfegedankens und der Brgerinitiativen der Zeit erfolgen die entscheidenden Impulse von privater Seite und erzeugen zunehmenden Reformdruck auf die bis dahin weitgehend monopolartig zustndigen staatlichen Verantwortungstrger.
In diese Zeit (1977-79) fllt die Grndung des Wiener Vereins Initiative Pflegefamilien (in Berlin brigens nahezu zeitgleich der Start des Arbeitskreises zur Frderung von Pflegekindern!) und damit der Beginn innovativer professioneller Pflegefamilienarbeit: engagierte KollegInnen aus den Fachgebieten Pdagogik, Psychologie, Sozialarbeit und Rechtswesen boten mit der zunchst projekthaften Umsetzung ihrer Reformideen den zustndigen Behrden konstruktive Zusammenarbeit an.
Daraus entwickelte sich in den 80er-Jahren in kritischer Auseinandersetzung zwischen der herkmmlichen ffentlichen und der neuen privaten Jugendhilfe ein systematischer Reformproze im Bereich der Fremdunterbringung von Kindern:
Einerseits entstanden nach dem Beispiel des Wiener Initiative und aufgrund ihrer konsequenten ffentlichkeitsarbeit ber die Massenmedien ebenso wie durch eigene Fachpublikationen sehr schnell in allen sterreichischen Bundeslndern hnliche private, professionell gefhrte Einrichtungen im Pflegekinderbereich, die sich schon 1982 zu einem Bundesdachverband zusammenschlossen. Dieser wurde das gemeinsame Sprachrohr gegenber Politik, Verwaltung, Gesetzgebung und Forschung.
Andererseits wurde dadurch auch die bereits angelaufene Novellierungsarbeit am alten Jugendwohlfahrtsgesetz (JWG) von 1954 beschleunigt und erstmals von einer qualifizierten Vertretung der Betroffenen mitgestaltet. (Ich selbst war bis in die letzte Sitzung der parlamentarischen Ausschsse als Expertin in die Arbeit involviert.)
* Der sterreichische Dachverband hat sich aber auch seit seiner Grndung fr die sozialrechtliche Absicherung der Pflegeeltern (durch Kranken- und Pensionsversicherung), fr die Anerkennung und leistungsgerechte Bezahlung ihrer sozialpdagogischen Arbeit und fr die Ermglichung dieser Ttigkeit auch im Rahmen von ordentlichen Dienstverhltnissen eingesetzt. Der Durchbruch in diese Richtung ist endlich seit 1996 mit einem Pilotmodell in Wien, ein Jahr spter in 3 weiteren Bundeslndern und international 1998/99 mit dem EU-Projekt CINDERELLA gelungen.
Und schlielich wurden durch das Engagement der privaten Fachleute in den Vereinen
Auslandskontakte geschaffen und internationale Vergleichswerte in die sterreichische
Fachdiskussion hereingeholt.
Entscheidend fr die Durchsetzungskraft der Reformtendenzen war also einerseits die Professionalitt der privaten Protagonisten, andererseits die auf privater Ebene (viel leichter als auf behrdlicher) mgliche rasche internationale Vernetzung und gegenseitige Verstrkung: Bereits 1980/81 wird mit IFCO erstmals eine weltweite Dachorganisation fr das Pflegekinderwesen ins Leben gerufen, durch deren Aktivitt innerhalb der nchsten Jahre UN und Europarat schon 1986 Erklrungen bzw. Empfehlungen zur Regelung von Familienpflege und Adoption verabschieden. In rascher Folge (1987 und 1989) werden aufgrund von IFCO-Initiativen internationale UN-Experten-Treffen zu Fragen der Implementierung veranstaltet. Unmittelbar nach der politischen Wende in Mittel/Osteuropa beginnt 1992 ein alljhrlicher West-Ost-Dialog zum Know-how-Transfer und als Strukturhilfe fr ein neu aufzubauendes Jugendhilfesystem, wobei auch ein Ethik-Kodex fr das Pflegekinderwesen erarbeitet wird. sterreich und ich selbst als Vorsitzende des Bundesverbandes und gewhlte IFCO-Generalsekretrin von 1985-1989 haben wesentlich bei dieser Entwicklung mitgewirkt.
In den 90er-Jahren wurde der eingeschlagene Weg durch Vortrge beim Hamburger Pflegekinderkongress, beim Lneburger Wissenschaftskongress der EUSARF, bei den IFCO-Kongressen in Athen und Berlin und die entsprechenden Dokumentationen bzw. Fachpublikationen konsequent fortgesetzt. Der vorlufige Zielpunkt wurde zweifellos mit dem vielbeachteten Erfolg des EU-weiten CINDERELLA-Projekts erreicht. Dessen Nachhaltigkeit und schrittweise bernahme ins Mainstreaming, in den Regelbetrieb der Mitgliedsstaaten und darber hinaus, wird eine Nagelprobe fr die Ernsthaftigkeit des allseits bekundeten Reformwillens im Pflegefamilienbereich sein.
Hinter all diesen Reformschritten stand immer ein hoher professioneller Wissensstand verbunden mit persnlicher, privater Initiative fr die allerdings prinzipiell die zustndige ffentliche Hand als Partner gewonnen und damit in ihre gesetzliche Verantwortung gerufen wurde.
Das sogenannte neue sterreichische Jugendwohlfahrtsgesetz (JWG) von 1989 und das fast zeitgleich, in engem Expertenaustausch (brigens auch mit dem Schweizer Kindschaftsrechtler Cyril Hegnauer!) entstandene deutsche Kinder- und Jugendhilfegesetz kann eigentlich wenn man die Erluterungen und vor allem die Ausschudokumente samt den Expertenstatements dazunimmt als sozialpdagogisches Standardwerk zum Pflegekinderwesen bezeichnet werden. Denn in den gesetzlichen Regelungen schlgt sich eine jahrelang multiprofessionell und institutionsbergreifend gefhrte Grundsatzdiskussion nieder, die die ganze Komplexitt des Pflegekinderwesens deutlich machte, um die es in jedem Einzelfall immer wieder geht.
Um dieser Komplexitt
Rechnung tragen zu knnen, entwickelte
die Initiative Pflegefamilien
ihr Wiener Modell der
Pflegefamilienarbeit:
Der neue Denk- und Arbeitsansatz orientierte sich an der systemischen Familientherapie.
Als Leitstze fr das Pflegekinderwesen wurden formuliert:
Ziel war und ist es,
Zur Realisierung dieser Ziele wurde in Hinblick auf die speziellen Bedrfnisse dieser Ziel- bzw. Anspruchsgruppen systematisch ein Konzept mit festen Kernelementen entwickelt, die dann im Rahmen des Bundesverbandes von den Landesorganisationen bernommen und fr die jeweiligen regionalen Gegebenheiten entsprechend adapiert wurden; und zwar:
systemische Herangehensweise an die Fallarbeit, einschlielich Elternarbeit,
regelmiges Angebot standardisierter Vorbereitungskurse fr Pflegeeltern-Bewerber,
fachliche Begleitung durch laufende Fortbildung und Gruppensupervision,
spezialisierte Familienberatungsstellen mit multiprofessionellen Teams,
jhrliche interdisziplinre Fachtagungen fr alle Beteiligten im Pflegekinderwesen.
Von Anfang an stand bei diesem neuen Verstndnis der Pflegefamilienerziehung die bestmgliche Sicherung des Kindeswohls im Zentrum: nmlich die Erfllung des kindlichen Grundbedrfnisses nach Bindung als Basis von Urvertrauen, Selbstvertrauen und Selbstwertgefhl und, darauf aufbauend, um die Entwicklung von Bindungsfhigkeit und Leistungsfhigkeit als Voraussetzung fr eigenstndige, selbstverantwortete, geglckte Lebensgestaltung.
Die Ermglichung solcher Bindungen und die Sicherung konstanter Eltern-Kind-Beziehungen ist gerade fr jene Kinder unverzichtbar, die aus unterschiedlichen Grnden nicht bei ihren biologischen Eltern aufwachsen knnen. Denn sie alle haben mit der Herausnahme aus ihrer Ursprungsfamilie bereits einen gravierenden Beziehungsabbruch, d.h. ein Ur-Trauma, erlitten, das einerseits durch eine verlliche, stabile Eltern-Kind-hnliche Bindung maximal kompensiert werden mu. Andererseits zeigen sie vielfach eben infolge dieser Traumatisierung Entwicklungs- und Verhaltensabweichungen, die Pflegeeltern vor eine besondere Aufgabe stellen, welche ber Elternerfahrung und normales Elternverhalten bei weitem hinausgeht.
Zentrales Anliegen mu also die Qualifizierung und Stabilisierung von Pflegeverhltnissen sein, um neuerlichen Beziehungsabbrchen infolge einer berforderung der Pflegeeltern vorzubeugen.
Dazu bentigt das Pflegekinderwesen insgesamt definierte, allgemein anerkannte Qualittskriterien und ein verbindlich geregeltes Qualittsmanagement. Und zwar durchgngig, von der ffentlichen Jugendwohlfahrt ber die privaten Jugendwohlfahrtstrger, denen Aufgaben und Verantwortung bertragen werden (und deren Eignung dafr anhand von Professionalittskriterien berprft werden mu), bis hin zu den eigentlich Ausfhrenden, den Pflegeeltern.
Es war darum folgerichtig, da die sterreichische JWG-Novelle 1998/99 unter dem Leitwort Professionalisierung stand; umso bedauerlicher ist es allerdings, dass sie die entscheidende Konsequenz, nmlich die Verpflichtung der Pflegeeltern zum Nachweis der abgeschlossenen Standard-Vorbereitung vor bernahme eines Pflegekindes, wieder schuldig blieb.
Das
Kind im Mittelpunkt eines Systems von erwachsenen Bezugspersonen
Wir gehen bei der Umsetzung des Wiener Modells der Pflegefamilienarbeit von sechs fundamentalen Leitstzen als Ansatz fr konstruktive Zusammenarbeit und konfliktrmeres Zusammenleben im System rund um ein Kind aus.
Ich will diese Grundwahrheiten zunchst einmal so in den Raum stellen, wie wir sie auch den Pflegeeltern-Anwrtern bei unseren (inzwischen seit 15 Jahren regelmig, jedoch auf freiwilliger Basis laufenden) Vorbereitungskursen als Denkanste fr Reflexion und Selbstberprfung vorlegen.
Kinder haben Familien, nmlich wo ihre Herkunft und ihre Wurzeln liegen. Hinter jedem Pflegekind steht seine Herkunftsfamilie und seine Lebensgeschichte. Sie darf nicht verdrngt, sondern mu konstruktiv verarbeitet werden, denn sie ist ein Stck der Identitt jedes Menschen.
Kinder brauchen Familien, wenn sie nicht in der Herkunftsfamilie aufwachsen knnen wenigsten als zweitbeste Lsung Ersatz-/Ergnzungsfamilien: Familie ermglicht soziale Menschwerdung, ein prozehaftes Geschehen, das die biologische Menschwerdung zum vollen Menschsein ergnzt und Grundlage der Persnlichkeitsentwicklung und des weiteren Sozialverhaltens ist.
Jeder Beziehungsabbruch von der Herkunftsfamilie, der einer Fremdunterbringung notwendigerweise vorausgeht, ist ein Trauma fr das Kind und eine Beeintrchtigung fr seine weitere Entwicklung. Darum sollten bei einer Pflegeplatzunterbringung dem Kind die biologischen Eltern mglichst nicht radikal genommen, sondern weitere Bezugspersonen -die Pflegeeltern hinzugegeben werden. (Das ist nicht unbedingt wrtlich zu verstehen: wenn Elternkontakte schwierig oder gar unzumutbar sind, dann sollte zumindest gedanklich ihre Prsenz und damit die Verarbeitungsmglichkeit der Herkunftsgeschichte gegeben sein.) In diesem Beziehungsdreieck (Pflegeeltern-Pflegekind-Herkunftsfamilie) mu ein mglichst ausbalanciertes Klima angestrebt werden, damit fr alle drei Seiten eine konfliktarme Lebenssituation entstehen kann und dem Kind ein Loyalittskonflikt erspart bleibt bzw. seine Identittsfindung ermglicht wird.
Kindeswohl ist nur durch Erwachsenenwohl (auch Helferwohl!) zu verwirklichen. Es kann nicht isoliert gesehen werden, denn es hngt von den Erwachsenen unmittelbar ab.
Erwachsenenwohl entsteht aus Partnerschaftlichkeit, d.h. Gleichbehandlung. Das erfordert Einfhlungsbereitschaft in die anderen Beteiligten, Artikulieren der eigenen und Tolerieren fremder Bedrfnisse, Offenheit fr Kompromisse und damit gemeinsame Lsungen
Familien brauchen begleitende Hilfen, abgebende ebenso wie annehmende, denn beide Seiten befinden sich in krisenhaften Ausnahmesituationen.
Im Sinne dieser 6 Grundwahrheiten ist es klar, da wir in jedem konkreten Fall systemorientiert denken, uns einander verstndlich machen und im Interesse des Kindes zusammen-arbeiten mssen, nicht neben- und nicht gegeneinander. Sonst wird Kindeswohl zwischen den Streit- und Konkurrenzfronten der Erwachsenen nicht gefrdert, sondern verfehlt, ja mglicherweise geschdigt.
Verbindlich geregelte Helferkonferenzen, zusammen mit den Pflegeeltern, unter mediativer Moderation und mit verpflichtender Einbeziehung eines fallkonstanten, kompetenten Interessenvertreters des Kindes wren ein unverzichtbares Instrument dafr. Einen derartigen Anwalt des Kindes habe ich schon 1989 beim Expertentreffen zur Implementierung der UN-Pflegekinder-Deklaration eingefordert. Eine Kinderanwaltschaft konnte im sterreichischen JWG gegen groe Widerstnde zumindest begrifflich verankert werden. An einer De-facto-Verbesserung ihrer Mglichkeiten wird laufend gearbeitet. Das deutsche KJHG enthlt inzwischen bessere rechtliche Voraussetzungen fr die praktische Wahrnehmung dieser Funktion.
Psychosoziale und biologische Elternschaft fallen auseinander fr diese Ausnahmesituation sind besondere Fhigkeiten notwendig.
Sobald die zuvor dargelegten Grundwahrheiten als folgerichtig akzeptiert sind, ergibt sich daraus, da ein traditionelles Pflegeeltern-Konzept an seine Grenzen stt, wenn es davon ausgeht, da Kinder nur Schutz, Liebe, Geborgenheit in einer Familie brauchen, um schlechte Vorerfahrungen zu vergessen. Die Realitt ist weitaus komplexer, das Pflegekind als Teil mehrerer Systeme lebt daher in einem sehr konfliktanflligen Umfeld, dessen Wechselwirkungen bewut gemacht und professionell gesteuert werden mssen.
Dazu dient das Vorbereitungsprogramm fr Pflegebewerber und in weiterer Folge das begleitende Fortbildungs-, Beratungs- und Supervisionsangebot von professionell gefhrten Pflegeelternvereinen, das durch ffentliche Frderungsmittel gesichert ist (bzw. sein mu).
Das Anforderungsprofil fr Pflegeeltern ist aber auch anspruchsvoller geworden, nicht nur weil die fachlichen Einsichten in ihre Aufgabenstellung differenzierter, sondern auch weil die Kinder aus belasteten Herkunftsfamilien nach bereinstimmender Auskunft der Fachkrfte schwieriger geworden sind.
Die Risikobereitschaft, die von Pflegeeltern erwartet wird, ist hoch: Sie geben ihren eingespielten Familienalltag auf und lassen sich auf eine schwer berechenbare Dynamik ein. Trotzdem mssen sie den betroffenen Kindern maximale Beziehungssicherheit bieten und durch persnliche Kompetenz und Belastbarkeit weiteren Abbrchen vorbeugen zumal der rechtliche Schutz fr in Pflegefamilien gewachsene psychosoziale Beziehungen nicht so umfassend ist, wie man es bei der Neuordnung des Pflegekinderwesens im Zuge der Jugendwohlfahrtsrechts-Reform Ende der 80er-Jahre erhofft bzw. verhandelt hatte. Dazu die Aussage eines sterreichischen Jugendpsychologen und Leiters eines angesehenen Pflegeelternvereins: Was in einem Pflegeverhltnis geleistet werden mu, gleicht oft mehr dem Therapeutenverhalten in einem lang dauernden psychotherapeutischen Setting allerdings ohne Abstinenz und ber 24 Stunden am Tag als einer normalen Erziehungssituation..., in einem Bereich, wo Kinder stndig gefhrdet sind, sich im Niemandsland zwischen dem gerissenen Netz der privaten Verantwortlichkeit und der ffentlichen Frsorge zu verlaufen (F. Ebensperger, Zeitschrift der sterreichischen Schulpsychologen, 3/1994, S. 31).
7.1. Alle Kinder haben laut UN-Kinderrechtskonvention ein Recht, in einer Familie aufzuwachsen, in Liebe, Geborgenheit, bedingungslos angenommen. Darum sind Pflegefamilien notwendig, wenn die leibliche Familie diese Funktion nicht mehr erfllen kann. Aber: die Pflegefamilie steht, wie bereits dargelegt, in mehrfacher Hinsicht vor besonderen Aufgaben, die nicht mit jenen einer biologischen Familie gleichgesetzt werden knnen:
Sie bernimmt nach Beziehungsabbrchen irritierte, schwierige Kinder.
Sie bernimmt mit der Aufgabe nur eingeschrnkte Rechte.
Sie trgt die tgliche Verantwortung fr die Kinder im Auftrag und stellvertretend fr die gesetzlich zustndige ffentliche Hand.
Sie stellt dabei im Sinne des Gesetzgebers eine der mglichen Alternativen zur Durchfhrung der Manahme volle Erziehung dar.
Pflegeeltern fhren also im
privaten Familienrahmen ffentliche Erziehung durch. Sie stehen damit an einer Schnittstelle zwischen ffentlichkeit und Privatheit. Sie sind dadurch keine
normale Familie auch wenn
sie (und manchmal die Jugendhilfe) sich das nicht bewusst machen (wollen).
7.2. Alle Kinder, die in die Verantwortlichkeit der ffentlichen Jugendwohlfahrt fallen, haben das Recht auf gleiche Qualitt der Betreuung, egal welche der zur Verfgung stehenden Alternativen fr sie gewhlt wird.
Wenn Heime und hnliche Einrichtungen nur einschlgig ausgebildetes, d.h. fr ihre Aufgaben qualifiziertes Personal einsetzen drfen, dann mu dies analog - auch fr die Betreuung von Kindern in Pflegefamilien gelten. Pflegeeltern sollen also einerseits die Grundbedrfnisse des Kindes nach Liebe und Geborgenheit erfllen, aber gleichzeitig professionelle Leistungen in Erfllung der besonderen sozialen und pdagogischen Aufgabe, die ihnen bertragen wurde, erbringen.
Deswegen verpflichtet das Gesetz zwar die ffentliche Jugendwohlfahrt, fr Angebote der Vorbereitung und beratenden Begleitung der Pflegeeltern zu sorgen. Andererseits sind diese Angebote jedoch bezglich Inhalt, Umfang, Methode, Erfolgskontrolle uneinheitlich und nicht allgemeingltig definiert. Ein Qualifizierungsnachweis alsVoraussetzung fr die bertragung von Pflege- und Erziehungsverantwortung ist, wie schon gesagt, noch immer vielerorts keine Verpflichtung fr die Pflegeeltern.
Das fhrt zu einer Ungleichbehandlung der Kinder: Im institutionellen Bereich ist professionelle Erziehung normiert, im privaten Bereich ist keine Sicherstellung einer analogen Qualifikation fr die gleiche Aufgabenstellung gefordert!
Dasselbe gilt aber auch umgekehrt: Wenn Pflegeeltern von sich aus, wie zunehmend in den letzten Jahren, mit Hilfe von Bildungsangeboten der privaten Einrichtungen, fr ihre Aus- und Weiterbildung sorgen, dann erwchst daraus eine Ungleichbehandlung der Betreuungspersonen. Denn in den Heimen und hnlichen Institutionen arbeiten qualifizierte BetreuerInnen in Dienstverhltnissen, sozialversichert und bezahlt (und niemand wird ihnen deswegen die Liebe zu den Kindern absprechen), Pflegeeltern hingegen (auch qualifizierte) arbeiten in der Regel ohne Gehalt und Sozialversicherung, nur mit Aufwandsentschdigung fr das Kind und fallweise (nicht berall!) einem mehr oder weniger symbolischen Erziehungsgeld.
Hier besteht gesetzlicher und sozialpdagogischer Handlungsbedarf fr die ffentliche Hand:
Mit der von den leiblichen Eltern bernommenen Verantwortung fr das Kindeswohl mu gleich verantwortungsbewut umgegangen werden, egal ob das Kind in institutionelle oder in Familienpflege gegeben wird.
Die Betreuungspersonen egal ob ffentlich oder privat - mssen vergleichbaren objektiven Anforderungskriterien entsprechen, die in einem Anforderungsprofil definiert, durch Ausbildung berprfbar erworben und durch Weiterbildung und Supervision gesichert werden.
Gerade wer Kindern mit besonderen Bedrfnissen liebevolle Geborgenheit in Kontinuitt schenken will, braucht dazu, zumal in der spezifisch belasteten Situation der Pflegefamilie, ber die sozial-emotionale Motivation hinaus professionelle Haltungen und Hilfen zum Schutz gegen Burnout und Beziehungsabbruch. Rationalitt und Emotionalitt schlieen einander nicht aus.
Pflegeeltern werden im sterreichischen JWG unter den Sozialen Diensten der Jugendwohlfahrt aufgefhrt. Soziale Dienste sind eine gesellschaftliche Leistung, die durch entsprechende Rahmenbedingungen verlsslich geregelt werden mu, sowohl im Interesse derer, die auf sie angewiesen sind, als auch derer, die sie erbringen. Nur im Rahmen klarer Regelungen kann die notwendige Qualitt der Leistung und einer gerechten Gegenleistung definiert und ihre Erfllung gesichert werden. Es ist nicht einsehbar, warum dieser Grundsatz der Rechtssicherheit nicht auch fr die Jugendhilfe im Bereich der Familienerziehung gltig und anwendbar sein sollte. Das Gegenteil von Sicherheit ist Beliebigkeit und Zufall; Kinder haben aber ein Recht auf Sicherung der Qualitt und Kontinuitt ihrer Betreuung.
Der Qualittsbegriff aus der Wirtschaft hat in den letzten Jahren europaweit auch in den sozialen Dienstleistungsbereich Eingang gefunden. Das bedeutet Anspruch sowohl des Auftraggebers als auch der NutzerInnen auf standardisierte Leistung. Mit der allgemeinen Verknappung der Finanzressourcen mssen sich auch Non-profit-Organisationen (z.B. Pflegeelternvereine!) durch die Qualitt ihrer Leistung fr den Empfang ffentlicher Gelder legitimieren. Angebote und Leistungen auch der Pflegepersonen selber mssen Mindeststandards gengen, diese mssen anhand von Kriterien berprfbar sein, Kontrolle dient der Qualittssicherung im Interesse der Auftrag- und Geldgeber wie der NutzerInnen von sozialen Diensten. Qualittsmanagement, bestehend aus Qualittssentwicklung und Qualittssicherung, wird folglich auch fr die Sozialen Dienste der Jugendwohlfahrt schon unter dem Druck von Geldflssen und Effizienzkontrolle notwendig.
Angewendet auf das Pflegekinderwesen haben diese grundstzlichen berlegungen zur Qualifizierung sozialer Dienstleistungen positive Auswirkungen auf alle drei wesentlichen Ebenen:
auf das einzelne Kind im Mittelpunkt aller Jugendwohlfahrtsmanahmen, d.h. auf deren Zielsetzung und Durchfhrung im konkreten Pflegeverhltnis;
auf die MitarbeiterInnen und BetreuerInnen, in Form von Richtlinien fr ihre persnliche und fachliche Ausbildung, Entwicklung und Leistung;
auf die Sozialdienste selber, als Folge bestmglicher Erfllung der Erwartungen von Kindeseltern, Behrden, Geldgebern.
Qualittsentwicklung und Qualittssicherung fr familiale Kinderbetreuung im ffentlichen Auftrag bedeutet nicht nur mehr Kindeswohl, sondern zugleich mehr Erwachsenenwohl im Sinne von Arbeitszufriedenheit, weil die Pflegeeltern ihre Leistung anerkannt und wertgeschtzt wissen, wenn sie als Beruf definiert wird, was sie de facto auch ist.
Diesen logischen Kreis auch fr die Praxis zu schlieen, war Auftrag und Ergebnis des EU-Projekts CINDERELLA:
Es soll knftig fr die familienhnliche Kinderbetreuung durch Tagesmtter und Pflegeeltern
Qualitt standardisieren,
ein Berufsbild definieren,
durch Ausbildung seine Umsetzung garantieren,
und dadurch zugleich neue Arbeitsfelder fr die Betreuungspersonen schaffen.
Durch eine anerkannte, einheitliche Aus- und Weiterbildung fr KinderbetreuerInnen im familiennahen Arbeitsbereich (Tagesmtter/Pflegeeltern) soll fr alle Kinder vergleichbare Qualitt sichergestellt werden. Allen qualifizierten BetreuerInnen (Tagesmtter/Pflegeeltern) soll gleichzeitig gerechte Entlohnung ihrer Arbeit ( = des sozialpdagogischen Mehraufwands fr ein Pflegekind ) und voller Sozialversicherungsschutz geboten werden. Arbeitsrechtlich korrekt kann dies im Rahmen von Dienstverhltnissen geregelt werden: Der sozialpdagogische Mehraufwand fr ein fremdes Kind gegenber der Betreuung eines leiblichen Kindes ist eine Arbeitsleistung, die laut aktuellen arbeitsrechtlichen Gutachten als Grundlage fr ein Dienstverhltnis anerkannt werden kann (DDr. F. Rcker, Salzburg 1995; Mag. A. Komar, Wien 1995).
Dadurch wird nicht nur der Anspruch auf angemessene Gegenleistung fr im ffentlichen Auftrag erbrachte Erziehungsleistung erfllt, sondern vor allem Qualittssicherung der familialen Kinderbetreuung tatschlich mglich: Denn im Rahmen der Dienstgeberkompetenz hat der Anstellungstrger der Pflegepersonen die Pflicht, den DienstnehmerInnen geeignete Fortbildung und Supervision anzubieten, die Teilnahme als Teil des Arbeitsauftrags im Dienstvertrag zu verankern, dh.verpflichtend zu machen und entsprechende begleitende Kontrollmechanismen zum Wohl des Kindes einzurichten. Gleichzeitig sollen durch einen (vor dem Abschlu stehenden) Tarifvertrag die Entlohnung und die Arbeitsbedingungen der DienstnehmerInnen einheitlich geregelt werden.
Dieses Lsungsmodell will einem brennenden doppelten Problem effizient begegnen: dem Mangel an qualifizierten Kinderbetreuungspltzen einerseits und der stndig steigenden Frauenarbeitslosigkeit andererseits. Der Mangel an bedrfnisgerechten Kinderbetreuungspltzen macht sich sowohl im Bereich der Tagespflege als auch ebenso folgenschwer in der vollen Fremdpflege bemerkbar: die Zahl der Pflegefamilien hat sich beispielsweise in sterreich in den letzten Jahren halbiert! Dagegen steigt die Zahl der ntigen Fremdunterbringungen von Kindern auf Grund der verschrften sozialen Probleme in Familien konstant. Die Mehrzahl davon kann nur von Institutionen bewltigt werden, was bis zu zehnmal teurer, vor allem fr jngere Kinder nachweislich entwicklungsbeeintrchtigend und daher mit noch hheren Folgekosten verbunden ist (Therapien, Entzge, Strafvollzug u.dgl.).
Die Konsequenz auch dieser Bilanz mu daher Professionalisierung fr Pflegeeltern lauten, d.h. auf Wunsch auch Schaffung von Dienstverhltnissen fr Pflegeeltern, um verstrkte Anreize fr die bernahme dieser Aufgabe und zugleich verbesserte Erfolgschancen fr die Manahme volle Erziehung vor allem im Interesse der betroffenen Kinder zu schaffen.
Die allgemeine Realitt sieht ja einstweilen weitgehend anders aus: Pflegepersonen bernehmen Aufgaben der ffentlichen Erziehung, die Durchfhrung dieses Auftrags der ffentlichen Hand erfolgt jedoch in der Autonomie ihrer Privatsphre, sehr hufig, wie gesagt, immer noch ohne Vorbereitung und begleitende Fortbildung. Sie sind mit einer unklaren Rollenerwartung konfrontiert: einerseits Elternfunktion fr Kinder in emotionaler Nhe und Beziehungssicherheit, andererseits notwendige professionelle Distanz, um die sozialpdagogischen Vorstellungen der Auftraggeber (dh. der Jugendbehrde bzw. der leiblichen Eltern) zu realisieren und die Kinder ggf. wieder loslassen zu knnen.
Kinder, die nicht in ihrer Stammfamilie aufwachsen knnen, fallen in die Verantwortung von Vater Staat. Bei den nun erforderlichen Manahmen zum Wohl des Kindes besteht nicht selten die Gefahr, dass die von den Erwachsenen getroffenen Entscheidungen an den individuellen Bedrfnissen des betroffenen Kindes vorbeigehen und damit das angestrebte Kindeswohl nicht verwirklicht wird. Denn das Kind selbst oder ein qualifizierter Interessenvertreter des Kindes (Anwalt des Kindes) wird nur selten und nicht kontinuierlich in die Entscheidungen einbezogen. Das Kind gert vielmehr allzu oft zwischen die Fronten der Erwachsenen, weil meist mehrere Helfer aus unterschiedlichen Berufen und Behrden kooperieren sollen und dabei Kompetenz- und Machtkmpfe entstehen, die noch dazu viel Zeit kosten und das Kind in einer verunsichernden Situation festhalten.
Fr das professionelle Management der konflikt- und konkurrenzbesetzten Beziehungen, um die es in einem Pflegeverhltnis geht, ist spezielle Fachwissen und hohe Sensibilitt, Zeit- und Kostenaufwand erforderlich, z.B. fr die Erstellung und laufende berprfung von Hilfeplnen, fr die Durchfhrung von regelmigen Helferkonferenzen, fr nachgehende Elternarbeit, fr die notwendige Weiterqualifizierung und begleitende Supervision der Fachkrfte. Dem steht entgegen, dass die Betroffenen, Kinder und (Pflege)Eltern, nur eine soziale Minderheit sind, fr die, zumal in Sparzeiten, ein grerer Aufwand nicht wirklich ernsthaft in Betracht gezogen wird.
Ein weiteres Problem sind die unausrottbaren Rollenklischees gerade in diesem Feld, z.B.: eine (Pflege)Mutter liebt Pflege- und leibliche Kinder gleich; Pflegekinder sind Kinder wie alle anderen auch wer eigene grogezogen hat, kommt auch mit Pflegekindern zurecht; Liebe allein ist wichtig und die haben Eltern fr Kinder von Natur aus, dazu braucht es keine Ausbildung, auch nicht fr Pflegeeltern; und schlielich: Liebe kann nicht bezahlt werden ...
Wer so denkt (und das sind viele, auch unter den Behrden und Entscheidungstrgern), vermengt die Familienbedrftigkeit aller Kinder mit der Resozialisierungsnotwendigkeit fr Kinder nach Beziehungsabbrchen. Pflegekinder brauchen beides: Elternliebe und Erzieherkompetenz der Pflegeeltern. Denn sie sind Kinder mit einer besonderen Geschichte und haben daher besondere Bedrfnisse, oft auch besondere Verhaltensweisen entwickelt. Liebe allein, d.h. die maximale Nachbildung normaler Familienverhltnisse, gengt nicht, um lngerfristig mit dieser sozialpdagogischen Herausforderung zurecht zu kommen. Die Erkenntnisse der Forschung und lngst auch der Praxis stellen derartige traditionelle Rollenbilder, Kindeswohlkonzepte und Handlungsweisen der Jugendhilfe prinzipiell in Frage. Es kann daher keine billigen Lsungen geben, wenn das Konstrukt dieses speziellen social engeneerings, der Pflegefamilie, nicht scheitern soll. Der Blick auf die entscheidenden Sachargumente wird aber immer wieder, auch in der Fachdiskussion, besonders aber im Gesprch mit den politischen Entscheidungstrgern, von Emotionen, von teilweise ideologischen Wertvorstellungen und derzeit besonders von Kostenrcksichten verstellt.
Familienpdagogik ein Berufsbild fr die spezielle
Aufgabe von Pflegeeltern
Um zunchst zu signalisieren, dass qualifizierte Pflegeeltern als gleichrangige pdagogische Alternative zu Betreuungspersonen in Heimen und hnlichen Einrichtungen anzusehen sind, wurde fr sie vom CINDERELLA-Projekt die neue Berufsbezeichnung FamilienpdagogInnen (engl.: edu-carer) geschaffen.
Die speziellen Anforderungen an professionelle Pflegeeltern im Vergleich mit verwandten pdagogischen Berufen ergeben sich, wie wir gesehen haben, aus der Tatsache, dass sie als Sozialer Dienst im Auftrag und unter Kontrolle der Jugendbehrde eine Manahme der ffentlichen Erziehung im privaten Familienrahmen durchfhren sollen - und dies als Teil eines komplexen Interaktionssystems, nmlich der eigenen und der Herkunftsfamilie des Pflegekindes, der Jugendbehrde und einer Auftrag- bzw. Dienstgeber-Organisation sowie sonstiger einbezogener Helfer.
Fr die Zulassung zu diesem Sozialen Dienst mssen daher, eben auf die speziellen Anforderungen bezogen, entsprechende personale und inhaltliche Eignungskriterien neben formalen und organisatorischen Bedingungen beachtet werden. Dazu wurde vom CINDERELLA-Projekt ein eigener Kriterienkatalog entwickelt (Beilage). Bevor dieser beim Auswahlverfahren im Detail zur Anwendung kommt, sind jedoch drei Grundvoraussetzungen der BewerberInnen abzuklren:
ber den behrdlichen Eignungsnachweis hinaus mssen qualifizierte Pflegeeltern ein ihrer Aufgabe und Verantwortung entsprechendes Selbst- und Sachverstndnis besitzen, vor allem bezogen auf den Unterschied zwischen biologischer und sozialer Elternschaft und auf die besonderen Entwicklungsbedingungen von Kindern zwischen/mit zwei Familien. Dieses Wissen und die entsprechenden Haltungen sind notwendige Voraussetzung fr das Gelingen der ihnen bertragenen Manahme der ffentlichen Erziehung. Das Vorliegen dieser Voraussetzung mu nachweislich gesichert sein, um eine Pflegebewilligung zu erhalten.
Dazu bentigen qualifizierte Pflegeeltern eine verpflichtende aufgabenbezogene Familienpdagogik-Berufsausbildung. Ausbildung und Anforderungskriterien sollen knftig in einem anerkannten Berufsbild verankert sein, das auch gesetzlich abzusichern ist (entweder integriert ins Jugendhilferecht oder durch ein eigens Berufsgesetz).
Die berlegungen bei der methodischen Gestaltung dieser Ausbildung gingen davon aus, dass die erforderlichen Ausbildungsgegenstnde sich im Schnittpunkt von privater, eigener Kinderbetreuungserfahrung (fr die es bekanntlich keinerlei Qualifizierungsverpflichtung gibt) und staatlich geregelter Erzieherausbildung befinden. Daher bildet die Vermittlung von praxisbezogenem, themenzentrierten Grundlagenwissen aus Psychologie, Pdagogik, Kommunikation und Gesundheitslehre die Basis der Ausbildung, whrend der Ausbildungsschwerpunkt bei der Entwicklung von Sensibilitt und Handlungskompetenz fr die familienpdagogischen Aufgaben liegt. Dazu wird die Selbsterfahrung aus dem Familien- und Erziehungsalltag der Bewerberinnen in der Ausbildung reflektiert und in Hinblick auf die Betreuung fremder Kinder transparent gemacht. Neben dem (auf ein notwendiges Minimum zu reduzierenden) Vermitteln von Faktenwissen konzentriert sich die Familienpdagogik-Ausbildung also auf folgende Schwerpunkte:
Da die Ausbildungs-BewerberInnen ber sehr unterschiedliche biographische und Bildungsvoraussetzungen verfgen, wird die Familienpdagogik-Ausbildung in einem Modul-System gegliedert angeboten und kann daher im Baukastenprinzip absolviert werden.
Sie ist dadurch kompatibel mit verwandten sozial/pdagogischen Berufsausbildungen und ermglicht Anerkennung bereits vorhandener Ausbildungsteile, Quereinsteigen und Umsteigen in andere familienbezogene Sozialdienste.
Die Organisation der Ausbildung nimmt, wie auch die sptere Berufsausbung, Rcksicht auf die Vereinbarkeit mit dem Familienleben der TeilnehmerInnen, aber auch auf die regionalen und Verkehrsgegebenheiten. Alle Varianten von Abendkursen ber Wochenendblcke bis hin zu Vollzeit-Angeboten, ergnzt durch Ferienbildungswochen mit Kinderbetreuung, sind geeignet.
Die berufsvorbereitende Grundausbildung umfasst 200 Bildungseinheiten, die berufsbegleitende Fortbildung einschlielich Gruppensupervision 100 Bildungseinheiten regelmig ber das Jahr verteilt. Die sogenannte qualifizierte Praxis, d.h. Betreuungszeiten unter nachgewiesener Supervision und Fortbildung, wird mit einem zustzlichen Bonus im Wert von 200 Bildungseinheiten pro Jahr angerechnet. Damit kann im Lauf von 4 Jahren eine Familienpdagogik-Vollausbildung von 1400 Bildungseinheiten erreicht werden, die einer vergleichbaren anerkannten Ausbildung fr familienbezogene Sozialdienste in etwa entspricht.
Auf der Grundlage dieses 1998 fertiggestellten Rahmenkonzepts wurden im Jahr 1999 bereits in allen Partnerlndern und -Organisationen des CINDERELLA-Netzwerks Pilot-Ausbildungen mit groer Akzeptanz durchgefhrt. In mehreren Lndern wurde die Projektphase zur Sammlung weiterer Ergebnisse und Erfahrungen um ein Jahr verlngert. In sterreich, dem Ursprungsland dieses Konzepts, kann sich der Professionalisierungsansatz bereits seit 1996 auf Praxiserfahrung sttzen. Ausgehend vom Wiener Pilotprojekt Professionelle (angestellte) Pflegeeltern wurden hnliche Formen professionalisierter Pflegefamilien schon ein Jahr spter auch in Niedersterreich und Steiermark etabliert, in Obersterreich wird das Modell seit Herbst 2000 erstmalig fr alle Pflegeeltern mit verpflichtender Grundausbildung und anschlieender Wahlmglichkeit eines Anstellungsverhltnisses beim Landes-Pflegeelternverein angewendet.
berall zeigt sich, da die in Dienstverhltnissen arbeitenden und daher zu Manahmen der Professionalisierung verpflichteten Pflegeeltern ein verbessertes Selbst- und Berufsverstndnis und eine verstrkte Arbeitszufriedenheit berichten. Sie fhlen sich als kompetente und anerkannte Partner im Helfersystem rund um Kinder und Familien mit besonderen Bedrfnissen, die Kooperation ist intensiver und effektiver, sich abzeichnende Krisen werden zum frhestmglichen Zeitpunkt wahrgenommen und prventive Interventionen mglich.
12. Zusammenfassung
Selbstverstndlich bedarf es noch weiterer Verbesserungen: Wir, die Trger, mssen uns als lernende Organisationen akzeptieren knnen. In einer Zeit immer rascherer Entwicklung auf allen Gebieten darf es aber auch in der Jugendhilfe keine Angst vor dem Neuen geben: wir mssen vielmehr im Sinne unseres systemisch-integrativen Ansatzes offen sein fr neue Anstze.
An dieser Stelle sei
nochmals Kathrin Zatti zitiert:
Obwohl Professionalisierung auch Risken birgt und Nachteile hat, ist sie doch
der einzig gangbare Weg. Ntig ist dazu u.a. die Anstellung von Pflegeeltern
als professionelle Mitarbeiter mit entsprechender Qualifikation und Bezahlung.
Weiter notwendig sind Standards fr alle Bereiche des Pflegekinderwesens, die
Reglementierung und Aufsicht ber die plazierenden Stellen, eine adquate
Ausbildung fr SozialarbeiterInnen im Pflegekinderwesen. All dies verlangt nach
Investitionen. Im Vergleich zu den Folgekosten bei einem prognostizierbaren
Zusammenbruch des Systems Pflegefamilien sind sie aber bescheiden. Es ist Zeit,
von der Pferdekutsche Abschied zu nehmen und das im Pflegekinderwesen
vorhandene Know how breit einzusetzen. Modelle und Projekte fr eine moderate
Professionalisierung sind erarbeitet worden, sie mssen nur umgesetzt werden
und zwar so rasch wie mglich. (In: Netz, 3/98, S.8)
In dieselbe Richtung geht der Befund von G. Bogyi, der leitenden, langjhrig erfahrenen klinischen Psychologin und Psychotherapeutin an der Wiener Universittsklinik fr Neuropsychiatrie des Kindes- und Jugendalters mit Arbeitsschwerpunkt kindliche Trennungs- und Verlusterlebnisse. Sie beschftigt sich intensiv mit den Problemen fremduntergebrachter Kinder, daher auch mit der Situation und den Mglichkeiten des Pflegekinderwesens. Immer wieder, besonders wenn es zu Pflegeabbrchen kommt, stellt sich ihr die Frage, wie und warum Pflegeeltern ausgewhlt und wie sie begleitet werden bei ihrer fr alle Beteiligten komplizierten Aufgabe. Sie bezeichnet die im Wiener Pilotmodell entwickelten Grundvoraussetzungen fr das Angestelltenverhltnis, nmlich: Vorbereitung der Pflegeeltern, Besuchskontakte mit der Herkunftsfamilie, Therapiebereitschaft und Selbstreflexion als den einzig mglichen Weg..., um Pflegekindern und Pflegeeltern die grtmgliche Wahrscheinlichkeit des Gelingens ihrer Beziehung zu gewhrleisten. Und sie fgt hinzu: Es ist zu hoffen, da gut ausgebildete und erfahrene KollegInnen diesen Weg begleiten, damit die Mglichkeit, Kinder, die fremduntergebracht werden mssen, familiennahe aufwachsen zu lassen, wirklich die optimale Form darstellt. (In: E. Lutter (Hg.), Kinderschicksale gehen uns alle an. Wien, 1997, S. 124 f.) Ebenso untersttzt der Kinderpsychiater W. Leixnering von der Heilpdagogischen Station der Wiener Universittskinderklinik und Konsiliarius des Wiener Jugendamtes das wachsende Bestreben des Pflegekinderwesens nach mehr Professionalitt (In: E. Lutter, Kinderschicksale, S. 129).
In einem professionalisierten Pflegekinderwesen ist schlielich auch der fachliche Ideologiestreit zwischen den beiden angeblich alternativen Konzepten der Pflegefamilienunterbringung Ersatzfamilie vs. Ergnzungsfamilie (A. Westermann, in: Kindeswohl 2/98, 9) eigentlich irrelevant: denn professionelle Pflegeeltern werden - viel eher als herkmmliche - jeweils das sein mssen und mit entsprechenden Hilfen auch sein knnen, was die Situation und das System rund um das konkrete Kind erfordert.
Den Sozialstaat erhalten, heit ihn umbauen. Nur den Status quo verteidigen, verschleppt dringend ntige Reformen. Es geht, denke ich, auch und gerade im Pflegefamilienbereich darum, neue Wege zu einer Balance zwischen anerkannter Arbeit und humanem Zusammenleben zu beschreiten und durch entsprechende Rahmenbedingungen zu ermglichen, ohne dabei Bewhrtes grundstzlich zu entwerten: Auch hier gilt das Tagungsthema Zukunft braucht Herkunft.