Begrssung Jacqueline Fehr, Nationalrtin
Geschtzte Anwesende
Es ist mir eine grosse Ehre und Freude zugleich, Sie an diesem Fachkongress zur Qualittsentwicklung im Pflegekinder- und Adoptionswesen begrssen zu drfen. Ein Blick auf das Programm aber auch auf die Liste der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zeigt, dass Ihnen drei ungemein spannende Tage bevorstehen. Was hier und heute an Wissen, Erfahrung und Lust an der Weiterentwicklung zusammenkommt, ist beeindruckend und gibt Hoffnung. Hoffnung auf eine Debatte um die Qualittsentwicklung im Pflegekinder- und Adoptionswesen. Hoffnung auf eine Debatte um die Chancen und Risiken einer vermehrten Professionalisierung des Pflegekinder- und Adoptionswesens. Hoffnung auf eine Debatte um Sinn und Eignung von Leistunsgsstandards und Indikatoren zur Qualittsentwicklung.
23 Jahre nach Inkrafttreten der Verordnung ber die Aufnahme von Pflegekindern ist dies die erste Tagung in der Schweiz, die sich Gedanken zur Qualittsentwicklung in Bereich des Pflegekinder und Adoptionswesens macht. Diese spte Diskussion wirft Fragen auf. Fragen nach dem Stellenwert des Pflegekinder- und Adoptionswesens in der Schweiz. Wer sich diese Frage stellt, kommt zu einem sehr kritischen Befund. Obwohl die Bedeutung des Pflegekinderwesens weitgehend unbestritten ist, hlt sich der Staat in diesem Bereich gelinde gesagt vornehm zurck. Er baut dabei voll und relativ unverschmt auf den guten Willen vieler Freiwilliger, die als Pflegeeltern oder als Vermittlerinnen und Vermittler eine unschtzbare Arbeit leisten. Nicht auszudenken fr die betroffenen Kinder, aber auch fr viele deren leiblicher Eltern, was es bedeuten wrde, wenn diese Freiwilligen nicht lnger fr quasi eine blosse Anerkennung diese Aufgabe bernehmen wrden.
Nun, es geht an diesem Kongress nicht um die Frage, wie die ffentliche Hand verbindlicher ins Pflegekinder- und Adoptionswesen eingebunden werden knnte. Diese Diskussion muss an anderer Stelle gefhrt werden. Wenn sich der heutige Kongress aber mit der Frage der Qualittsentwicklung befasst, wird dies Auswirkungen auf die politische Bedeutung des Pflegekinder- und Adoptionswesens haben. Wer sich mit Qualittsentwicklung befasst, muss sich mit der Ressourcenfrage befassen. Und wer sich mit der Ressourcenfrage befasst, muss sich die Frage gefallen lassen, wie viel uns welcher Standard wert ist. Nicht, dass ich hier die These vertreten wrde, Qualitt sei eine reine Geldfrage. Doch eine Qualittsentwicklung in einem Bereich vorantreiben zu wollen, in welchem nicht einmal die Forschung anstndig finanziert ist, ist wie wenn ich eine Gipfel besteigen wollte und dabei glaubte, das gute Wetter knne die fehlende Ausrstung ersetzen.
Ich mchte sie nicht ent- sondern ermutigen. Sie und alle, die sich fr ein fortschrittliches Pflegekinder- und Adoptionswesen einsetzen, leisten eine enorm bedeutsam Arbeit fr die betroffenen Kinder und Eltern, aber auch fr die Gesellschaft als Ganzes. Der Nutzen dieser Arbeit knnte in Geld beziffert werden und dennoch wrde man ihn noch nicht erfassen. Und Sie zeigen mit Ihrer Teilnahme an diesem Kongress, dass Sie als Fachleute an der Weiterentwicklung des Pflegekinder- und Adoptionswesens interessiert sind. Sie engagieren sich und kmpfen fr Ihre Sache. Doch fordern Sie fr Ihre Arbeit auch die ntigen Ressourcen. Sie als Fachleute, die Kinder, die Pflegeeltern und alle Beteiligten haben die Ressourcen verdient. Solange wir Halteprmien fr Freiburgerpferde vom Bund bezahlen und solange wir uns eine doppelt so teure Armee wie die brigen europischen Lnder leisten, knnen wir auch das Pflegekinder- und Adoptionswesen anstndig untersttzen.
Erste Anzeichen einer etwas offneren und verantwortungsvolleren Haltung der ffentlichkeit gegenber dem Pflegekinder- und Adoptionswesen zeigt sich in der einstimmigen Annahme des Haager bereinkommens ber den Schutz von Kindern und die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der internationalen Adoption durch den Nationalrat am 27. September dieses Jahres. Am 28. November wird auch der Stnderat, also die zweite Kammer des nationalen Parlamentes noch einmal zu diesem Thema Stellung nehmen, und so wie die Zeichen stehen, knnen wir davon ausgehen, dass dem baldigen Inkrafttreten der entsprechenden Bestimmungen nichts mehr im Wege steht.
Das Pflegekinder- und Adoptionswesen darf aber nicht nur als juristisches Problem, sondern muss auch als Teil der schweizerischen Familienpolitik verstanden werden. Und genau so wie im Pflegekinder- und Adoptionswesen mssen die Mythen auch in der Familienpolitik als Ganzes endlich durch die Fakten ersetzt werden. Natrlich muss die Privatheit der Familie geschtzt werden. Niemand will in die Zeiten zurck, in denen Kirche oder Staat den Eltern vorschrieb, wie sie zu leben und zu erziehen htten. Doch heisst privat nicht gleichzeitig, dass sich der Staat nicht engagieren knnte. Niemandem kme es nmlich in den Sinn, den Bauern die Subventionen zu streichen mit der Begrndung, Bauer zu werden sei Privatsache.
Je lnger die Gesellschaft in der Frage der Familienuntersttzung keine grssere Verantwortung bernimmt, desto geringer wird der Stellenwert dieser Lebensform und damit auch der Stellenwert der Kinder in unserer Gesellschaft. Und eine Gesellschaft, die sich den Kindern verschliesst, ist gefhrdet. Oft frage ich mich, weshalb unser Land so kinderfeindlich ist. Ist es, weil Kinder einem immer daran erinnern, dass Entscheide nicht nur auf den kurzfristigen Nutzen ausgerichtet sein drfen? Weil sie einem beim weitverbreiteten , wenn auch nicht offen deklarierten Credo Nach mir die Sintflut stren? Kinder, familire Lebensformen, Zukunft. Diesen Dreiklang mssen wir wieder zum klingen bringen. Und dazu leisten Sie mit dieser Tagung einen wichtigen Beitrag. Denn was immer Sie im Bereich des Pflegekinder- und Adoptionswesens fordern, wird positive Auswirkungen auf die Familienpolitik als Ganzes haben und umgekehrt.
Mit drei Schritten werden Sie durch diesen Kongress gefhrt werden. In einem ersten Schritt knnen Sie sich mit einer Art Bestandesaufnahme unter dem Titel: Wo wir heute stehen ber den heutigen Stand der Diskussion informieren. In einem zweiten Schritt geht es unter dem Titel Anstsse aus der Forschung um die Frage, welchen Beitrag die Forschung zur Qualittsentwicklung im Pflegekinder- und Adoptionswesen leisten kann. Und am Samstag wagen Sie gemeinsam in einem dritten Schritt einen Blick in die Zukunft: Wohin wir wollen heisst dann die Frage des Tages. Ich wnsche Ihnen mglichst viele konkrete Antworten und hoffe, dass Sie nach diesen drei Tagen mit einem Rucksack voller Energie gestrkt nach Hause reisen.
Ich danke Ihnen.