Qualittsentwicklung im Pflegekinderwesen durch Professionalisierung?
Der Titel meines Referates ist als Frage formuliert, welche Interpretationsspielraum offen lsst:
Fhrt Professionalisierung im Pflegekinderwesen zwangslufig zu mehr Qualitt? Oder: Ist fr die Qualittsentwicklung im Pflegekinderwesen mehr Professionalitt Bedingung?
Ich mchte folgendermassen auf die Frage eingehen:
Wo und wie muss eine Professionalisierung im Pflegekinderwesen stattfinden, damit sie eine Weiterentwicklung, d.h. Verbesserung der Qualitt zur Folge hat?
Nach einer kurzen Einleitung befasse ich mich mit den drei Begriffen Qualittsentwicklung, Pflegekinderwesen und Professionalisierung. Im zweiten Teil will ich konkrete Anstze aufzeigen, wo und wie meiner Meinung nach in den verschiedenen Bereichen des Pflegekinderwesens eine Professionalisierung notwendig ist.
Meine Ausfhrungen sind natrlich gefrbt von meinen persnlichen und beruflichen Erfahrungen. Seit zwanzig Jahren habe ich einen engen Bezug zur familiren Fremdbetreuung. Zuerst als professionelle Pflegemutter von sechs Pflegekindern in einer sozialpdagogischen Pflegefamilie, heute in der Ttigkeit auf der Fachstelle der Pflegekinder-Aktion Bern und als Kursleiterin in der Aus- und Fortbildung fr Pflegeeltern.
Ich lebe und arbeite im Kanton Bern. Dieser hat eine lange Heim- wie auch Pflegekindertradition. Vernderungen und Weiterentwicklungen in der Fremdbetreuungslandschaft haben deshalb bei uns markante Spuren hinterlassen und ich habe persnlich einiges davon miterlebt:
-
1982: Grndung unserer Grossfamilie
als eine der ersten im Kanton Bern, die ihr Angebot als professionell
verstehen. In der Folge die
Auseinandersetzung um Identitt und Abgrenzung,
einerseits mit traditionellen Pflegefamilien, andrerseits mit Institutionen.
- 1988: Grndung des spib, des Verbandes sozialtherapeutischer und pdagogischer Kleininstitutionen im Kanton Bern
- Enge Zusammenarbeit mit dem Kantonalen Jugendamt und der Frsorgedirektion v.a. bezglich Bewilligungspraxis und Tarifverhandlungen
-
1991: Erffnung der Koordinations-
und Beratungsstelle der Pflegekinder-Aktion Bern. Sie bietet Vorbereitungskurse
fr Pflegeeltern an,
initiiert Pflegeelterngruppen und vermittelt freie Pltze
in Familien. Sie ist Anlaufstelle und bietet Beratung fr platzierende Stellen
und
anbietende Familien.
-
Grndung von passaggio. Private
Einzelunternehmung eines erfahrenen Sozialpdagogen, welcher schwierige Kinder-
und Jugendliche in
Laienfamilien platziert und fachlich intensiv begleitet.
Natrlich fanden auch in anderen Kantonen zum Teil hnliche Entwicklungen statt. Leider gibt es daneben aber immer noch Gebiete, in denen nicht ein minimalstes Angebot fr Pflegefamilien besteht.
Auch auf schweizerischer Ebene gibt es wichtige Initiativen, z.B.
- Seit 1994 Fortbildungsangebot fr Pflegeeltern
- 1995 Erffnung der schweizerischen Fachstelle fr das Pflegekinderwesen
- seit 1996 die Fachzeitschrift NETZ
-
seit 1995: CH - HPP Konferenz. Zwei-
bis dreimal jhrlich treffen sich Delegierte aus den verschiedenen
Vereinigungen von professionellen
Pflegefamilien der deutschen Schweiz.
- Seit 1998 Angebot einer Ausbildung zur qualifizierten Erziehung von Pflegekindern
Und natrlich ist auch dieser Kongress hoffentlich ein Meilenstein in der Qualittsentwicklung im Pflegekinderwesen, dem weitere folgen werden.
Man muss also laufend neue Erkenntnisse erarbeiten, daraus den Bedarf ableiten und Angebot und Leistung dementsprechend anpassen.
Neue Erkenntnisse werden gewonnen aus Erfahrung, Untersuchungen und Forschungsergebnissen. Der Bedarf wird im weiteren mitbestimmt durch das gesellschaftliche Umfeld (Bsp. Platzierungsgrnde) und beeinflusst von Werthaltungen und Menschenbildern.
Lassen Sie mich diese Zusammenhnge mit einem Blick auf die Praxis erlutern:
Es ist immer von den Bedrfnissen und Rechten des Kindes auszugehen. Eine Fremdbetreuung ist dann angezeigt, wenn das bestehende Bezugssystem trotz Untersttzung die elementaren Bedrfnisse des Kindes nicht ausreichend befriedigen und seinen Schutz nicht gewhrleisten kann.
Heute fllt diese Beurteilung in der Regel differenzierter aus als frher. Wann immer mglich werden die vorhandenen Ressourcen im Herkunftssystem einbezogen und genutzt und Pflegefamilien werden als Ergnzungs-, selten noch als Ersatzfamilien betrachtet. Dies hat grosse Auswirkungen auf den Auftrag einer Pflegefamilie, deren Arbeitsbedingungen und Anforderungen.
Je nach Platzierungsgrund braucht ein Kind eine andere Ergnzung (oder allenfalls Ersatz), welche die Defizite seiner Herkunftsfamilie ausgleicht.
In meiner Praxis stelle ich z.B. eine wachsende Nachfrage nach Entlastungspltzen fr sehr kleine, stark belastete Familiensysteme fest. Solche Platzierungen stellen besonders hohe Anforderungen an die Zusammenarbeit auf der Erwachsenenebene.
Die Gefahr, fr eine Problemsituation ein Arrangement zu suchen, das vor allem den Bedrfnissen der Erwachsenen entspricht und dabei die Bedrfnisse des Kindes in den Hintergrund stellt, ist meiner Meinung nach gross. Deshalb ist es unerlsslich, sich immer wieder Rechenschaft zu geben ber die psychische Situation des Kindes und die Grenzen der Verkraftbarkeit des Lebens in zwei Welten. Die Bindungsforschung beispielsweise hat Erkenntnisse gebracht, denen die gngige Praxis in vieler Hinsicht noch nicht Rechnung trgt. Vor allem in den Bereichen Zeithorizont des Kindes, Rckplatzierungen und Schutz von Kind - Pflegeeltern Beziehungen werden Bedrfnisse von Kindern immer wieder mit Fssen getreten. Es mssen Wege gefunden werden, wie von der Fachwelt erkannte Zusammenhnge in der Praxis umgesetzt werden knnen.
Also:
Qualittsentwicklung fordert eine stetige Anpassung der Leistungserbringer an die aktuellen Anforderungen der Leistungsempfnger.
Eine grosse Herausforderung besteht darin, dass der eigentliche Leistungsempfnger der Fremdbetreuung, nmlich das Kind, darauf angewiesen ist, dass seine Interessen von anderen Menschen vertreten werden. In einem Pflegeverhltnis sind aber meistens viele verschiedene Menschen, Institutionen und Instanzen beteiligt, die durch ihre Sichtweise jeweils unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was der gesunden Entwicklung des Kindes zutrglich ist. Manchmal vertreten sie sogar andere Interessen, z. B. Anwlte oder Therapeuten diejenigen der Eltern, oder Frsorgebehrden ev. wirtschaftliche der Gemeinde...
So sind bereits die Vorabklrungen, welche ja die Perspektivenklrung beinhalten sollten, eine anspruchsvolle Aufgabe, an der oft mehrere Personen beteiligt sind und mitreden. (Am wenigsten zu bestimmen haben die direkt Betroffenen!)
Schon hier zeigt sich deutlich, dass Qualittsentwicklung zwar einerseits innerhalb der diversen beteiligten Institutionen, andrerseits aber dringend auch auf der Ebene der institutionsbergreifenden Zusammenarbeit geschehen muss.
Etwas provokativ mchte ich behaupten: Ob es gelingt, einem Kind, das nicht in seiner Herkunftsfamilie aufwachsen kann, trotzdem gute Entwicklungsmglichkeiten zu verschaffen, ist nur zu einem kleinen Teil von der Betreuungsqualitt in der Pflegefamilie abhngig. Daraus folgt, ich greife kurz vor, dass mit Professionalisierung zum Beispiel keinesfalls gemeint sein kann, dass alle Pflegeeltern eine sozialpdagogische Ausbildung haben sollten.
Den Fokus ausschliesslich auf das Betreuungsangebot, also die Pflegefamilien zu richten, greift in jedem Fall viel zu kurz!
Richten wir ihn also auf alle im Pflegekinderwesen beteiligten Stationen:
(Einfhrung des Beispiels von Max und seiner Familie anhand von Folien)
Staatliche Ebene:
- Gesetzliche Grundlagen (Pflegekinderverordnungen)
- Behrden (Jugendamt, Jugendsekretariate, Vormundschafts- und Frsorgebehrden, Sozialmter, Gerichtsinstanzen)
Private Ebene:
- Herkunftsfamilie
- Weitere Bezugspersonen des Kindes (Geschiedene Elternteile, Verwandtschaft, Nachbarschaft)
- Schule
- Helfer (Beratungsstellen, KJPD, GutachterInnen, TherapeutInnen)
- Pflegefamilien, allenfalls deren Trgerschaft/Organisation
- Umfeld der Pflegefamilie (Verwandtschaft, Nachbarschaft..)
Fachspezifische Ebene
- Spezialisierte Vermittlungs- und Beratungsstellen
- Schweizerische Fachstelle
Was hier wie leider oft auch in der Praxis noch fehlt, ist eine Person, welche die Hilfemassnahmen koordiniert und den Platzierungsprozess von Anfang bis Ende, inklusive einer allflligen Rckplatzierung begleitet und unter dem Aspekt der Interessen des Kindes berwacht.
Nun mchte ich einen berblick geben ber die Aufgaben, welche die einzelnen Stellen oder Institutionen in einem Pflegeverhltnis wahrnehmen mssen oder sollten. Zudem gehe ich konkret darauf ein, was Professionalisierung fr die Erfllung dieser Aufgaben bedeuten knnte.
Vorerst aber noch einige Bemerkungen zu Professionalisierung und ihrer Bedeutung im Pflegekinderwesen allgemein:
Ich zitiere aus dem BSO Bulletin 2/2000 die Unternehmensberaterin Elisabeth Michel-Alder:1
Merkmale der Professionalitt:
1. Profil
2. Status
3. Exklusivitt
4. Verantwortung/Macht
Professionalitt hat eine definierte berufliche Kompetenz; und zwar bezglich Methode, Ttigkeitsfelder, aber auch des Spektrums von Handlungsmglichkeiten und deren Anwendung auf bestimmte Felder.
Ich versuche daraus einige Erkenntnisse fr das Pflegekinderwesen zu gewinnen:
Profil:Das Pflegekinderwesen braucht ein Profil, d.h., es muss erkennbar, identifizierbar und transparent strukturiert sein. Z.B. mssen Indikationen und Angebote definiert sein, ebenso die damit verknpften Bedingungen und Konsequenzen fr Leistungsempfnger und Leistungserbringer. Zwar existiert in der Praxis eine Vielfalt von spezifischen Angeboten. Die Orientierung fr Platzsuchende gestaltet sich aber schwierig, da die bersicht fehlt und beispielsweise Qualittskriterien fr die angebotene Leistung und der entsprechende Anspruch auf Entschdigung zu wenig transparent geregelt sind.
Status: Mit der Definierung von Kriterien und Qualittsstandards wird die Wahrnehmung von Aussenstehenden und damit auch der Status, d.h. die Bedeutung des Pflegekinderwesens in der Fremdbetreuungslandschaft verndert. Die gebhrende Wertschtzung und Anerkennung, die angemessene Gewichtung und die Bereitstellung von notwendigen Grundlagen (u.a. Finanzen) durch das Gemeinwesen knnen eher erreicht werden. Zu oft muss viel Zeit und Energie aufgewendet werden, um in Einzelfllen befriedigende Bedingungen zu erwirken.
Exklusivitt: Auch die Beachtung und Akzeptanz des Pflegekinderwesens in der Fachwelt als qualifizierten, vollwertigen Bereich der Jugend- und Familienhilfe kann nur erreicht werden, wenn die Konturen, die Besonderheiten aber auch die Grenzen bewusst sind und kommuniziert werden.
Verantwortung: Natrlich ist mit der Inanspruchnahme von Professionalitt auch die bernahme von Verantwortung fr das eigene Handeln, aber auch fr das Ganze verbunden.
Elisabeth Michel-Alder drckt es pointiert aus:
Erst wenn Sie die Haftung fr das Nichterreichen bestimmter Auftrge bernehmen, sind Sie voll professionalisiert.2
Was heisst nun also Professionalisierung in den verschiedenen Bereichen in der Praxis?
Bitte verstehen Sie die folgenden Ausfhrungen als Anregungen und Gedankenanstsse, die durch meine Erfahrungen in meinem beruflichen Umfeld gefrbt sind und die Sie bitte auf Ihre Gegebenheiten bertragen wollen.
Beginnen wir bei Max und seiner Familie:
1) Helfernetz Herkunftsfamilie
In den letzten Jahren wurden neue Untersttzungsmglichkeiten fr Familien geschaffen, welche manchmal eine Fremdplatzierung unntig machen oder hinauszgern helfen. Ich denke da an Krippen, Tagesschulen, Tagesfamilien, sozialpdagogische Familienbegleitung, Kontaktfamilien fr Wochenenden und Ferien, ambulante Massnahmen, finanzielle Untersttzung. Ferner ist die Schwelle fr die Inanspruchnahme einer psychologischen Beratung/Therapie viel kleiner geworden. So ist oft schon ein beachtliches Helfernetz am Werk, wenn das Thema Fremdbetreuung spruchreif wird.
Hier heisst Professionalisierung bewusste Auseinandersetzung aller Beteiligten mit ihren persnlichen Werthaltungen wie:
- das Kind gehrt zu seiner Mutter
- niemand kann die Mutter ersetzen
- der Mutter soll eine Chance gegeben werden
- Fremdplatzierung ist die letzte Mglichkeit
- Akzeptanz resp. Stigmatisierung von Frauen, die ihre Mutterrolle nicht ausben knnen oder wollen
u.a.
Unreflektierte, undifferenzierte Haltungen in diesen Fragen von Helfern fhren oft zu einer problematischen Verzgerung von not-wendenden Massnahmen. Oft fehlt es auch daran, dass verschiedene Stellen punktuell engagiert sind und niemand das Ganze im Blick hat und koordiniert.
2) Abklrende Stelle, Entscheidungstrger, Behrden
Bei Max und seiner Familie gengen Untersttzungen nicht mehr. Es werden vormundschaftliche Massnahmen getroffen (Errichtung einer Beistandschaft) mit dem Zweck, fr Max eine entwicklungsfrdernde Vernderung herbeizufhren. In dieser Abklrungsphase mssen eine Reihe bedeutender Fragen untersucht und beantwortet werden
Die Abklrung, welche Massnahmen einer Situation angemessen und fr ein Kind hilfreich sind, ist sehr komplex und anspruchsvoll. In der heutigen Praxis haben diese Aufgabe oft Sozialdienste, Vormundschaftsbehrden oder Familienberatungsstellen. Selbst wenn die ausfhrenden Personen eine Ausbildung im Sozialbereich haben (was lngst nicht immer der Fall ist), macht die Beschftigung mit Fremdbetreuungsfragen meist einen kleinen Teil ihrer Ttigkeit aus. Sie haben wenig Erfahrung und nicht die Mglichkeit, gengend Zeit fr den Erwerb der ntigen spezifischen Fachkompetenz aufzuwenden.
Professionalisierung heisst hier Spezialisierung und Regionalisierung. Es mssen interdisziplinre Fachdienste errichtet und mit der ntigen Entscheidungskompetenz ausgestattet werden. Nur so kann spezifische Fachkompetenz erworben und auch erhalten und erweitert werden. Der Tragweite von Abklrungen und Entscheidungen wrde die angemessene Bedeutung zukommen. Ferner knnte die nicht selten vorkommende rtliche Befangenheit ausgeschaltet werden.
Zur Zeit gibt es einige wenige Modelle in dieser Richtung. So z.B. die Fachstelle Kinderbetreuung der Stadt Bern, die Fachstelle Pflegefamilie und Adoption in Basel oder die Spezialisierung in Jugendsekretariaten in Zrich.
3) Platzierende Stelle
Fhrt die Abklrung zur Platzierung in eine Pflegefamilie, muss eine geeignete gefunden, ihre Aufgabe definiert und der Platzierungsprozess sorgfltig eingeleitet und begleitet werden.
Was fr die abklrende Stelle erwhnt wurde, gilt weitgehend auch fr die platzierende Stelle. Es macht meiner Meinung nach Sinn, die Einleitung und Begleitung der Platzierung derselben Fachgruppe zu bertragen. Es kann eine andere Person sein, welche den Fall bernimmt, aber Kommunikation und Zusammenarbeit mssen gewhrleistet sein.
Je nach Abklrungsergebnis der Fragen Was braucht das Kind? und Was kann die Herkunftsfamilie beitragen? hat sich das Profil der gewnschten Ergnzungs- bzw. Ersatzfamilie herauskristallisiert und deren Auftrag kann formuliert werden. Es gilt nun, das entsprechende Angebot zu finden, die notwendigen Schritte fr die Platzierung einzuleiten und die angezeigten Untersttzungsmassnahmen fr das Kind, die Pflegefamilie und bitte auch fr die Herkunftsfamilie bereitzustellen. Der Begleitung und Beratung der abgebenden Eltern wird bei uns viel zu wenig Beachtung geschenkt.
4) Pflegefamilie
Die Pflegefamilie muss sich darber klar sein, ob und zu welchen Bedingungen sie einen Auftrag bernehmen kann und will. Sie erfhrt u.U. grosse Vernderungen in ihrem Familienleben (Innerfamilire Dynamik, Halbffentlichkeit, Auseinandersetzung mit dem Herkunftssystem des Pflegekindes etc)
Die Aufgabe von Pflegeeltern geht weit ber die Betreuung und Erziehung eines zustzlichen Kindes hinaus. Sie beinhaltet eine anspruchsvolle Auseinandersetzung mit zentralen Fragen des Lebens berhaupt. Werthaltungen, Machbarkeit und Grenzen, Einlassen-Loslassen, Stellenwert der eigenen Bedrfnisse sind nur ein paar Stichworte, welche die Dimensionen dieses Engagements andeuten.
Bereits zu Beginn des Referates habe ich vorweg genommen, dass es nicht darum gehen kann, von allen Pflegeeltern eine sozialpdagogische Ausbildung zu fordern, zumal diese Ausbildung den Anforderungen, welchen Pflegeeltern gegenberstehen nur in Teilbereichen Rechnung trgt.
Die Voraussetzungen auf der fachlichen Ebene sind von der Zielgruppe und der Struktur des Angebotes abhngig. In jedem Fall zu fordern ist von Pflegeeltern aber eine intensive Auseinandersetzung mit ihrer Motivation und ihren persnlichen und familiren Ressourcen und Grenzen. Sie brauchen praxisnahe Informationen um abschtzen zu knnen, ob ein Engagement als Pflegefamilie ihren Mglichkeiten und Vorstellungen wirklich entspricht. Ferner mssen sie ihr Angebotsprofil erarbeiten und sich Rechenschaft darber ablegen, welche Forderungen sie fr ihre Leistung zu stellen gedenken, damit sie sich spter nicht ausgenutzt fhlen.
Diese Themen werden bei uns in Vorbereitungskursen behandelt, welche von mir aus gesehen als obligatorisch erklrt werden sollten. Nach meiner Erfahrung melden sich nach dem Kurs lediglich etwa die Hlfte der Paare bei der Vermittlungsstelle an. Die andern merken, dass sie sich falsche Vorstellungen gemacht haben oder der Zeitpunkt fr die ffnung ihrer Familie ungnstig ist.
Auch Pflegefamilien, die ber viele Ressourcen, sei es pdagogische Ausbildung, viel Erfahrung oder pdagogische Begabung verfgen, werden bei einer Pflegeplatzierung bis an ihre Grenzen gefordert. Ein Engagement rund um die Uhr bedingt, dass Mglichkeiten fr die Reflexion der Arbeit strukturell geschaffen werden. Es braucht eine externe fachliche Begleitung in Form von Fachberatung /Supervision.
Platzierungen von Kindern, die nur ein warmes, liebevolles Nest brauchen, gibt es nicht mehr. Meistens sind die Hintergrnde bei Platzierungen sehr komplex und problembeladen, die Kinder traumatisiert und die Anforderungen an Pflegefamilien dementspechend hoch. Es braucht eine grosse Bereitschaft, sich mit gewohnten, vertrauten Vorstellungen ber Erziehung, Elternschaft und das Leben berhaupt auseinanderzusetzen, sich zum Teil von ihnen zu lsen und neue Konzepte zu erarbeiten. Diese Anforderungen bedingen eine Motivation, die ber den Wunsch nach mehr Kindern oder sozialer Bettigung hinausgeht. Pflegeeltern, die sich heutzutage bewusst auf eine Platzierung einlassen, sehen in diesem Engagement auch eine spannende Herausforderung und Anregung, sich persnlich weiterzuentwickeln und spezifische Kompetenzen zu erwerben. Sie haben den Willen und den Wunsch, sich aus- und weiterzubilden. Damit verknpft ist selbstverstndlich der Anspruch, fr die geleistete Arbeit Wertschtzung und angemessene Entschdigung zu erhalten.
Die neue Ausbildung zur qualifizierten Erziehung von Pflegekindern zielt genau darauf ab. In enger Verknpfung mit der Praxis soll sozusagen der Entwicklungsprozess von Pflegeeltern zu mehr Bewusstheit und Kompetenz begleitet werden, gleichzeitig sollen Pflegeeltern mit dem Abschluss der Ausbildung ihre Qualifizierung nachweisen knnen.
Ob eine Ausbildung soweit ausgebaut werden soll, dass sie zum anerkannten Beruf eines Pflegevaters/Pflegemutter oder wie im Projekt Cinderella zu Familienpdagoge/Familienpdagogin fhrt ist prfenswert. Besonders wichtig ist nach meiner Einschtzung, dass bei all diesen Ausbildungen, die zur Qualifizierung fr die Betreuung in der Familie fhren sollen, der praxisbegleitende Aspekt ins Zentrum gestellt wird. Es geht in erster Linie darum, Menschen zu befhigen und zu untersttzen, in einem anspruchsvollen Prozess der stetigen Vernderung und Herausforderung aufmerksam, offen und beweglich zu bleiben.
Neben der Erweiterung der pdagogischen und persnlichen Kompetenzen von Pflegeeltern beinhaltet eine Professionalisierung in Pflegefamilien auch Forderungen auf der strukturellen Ebene wie:
- Tragfhiges Netz schaffen und erhalten
- Konzept formulieren
- Regelmssige Standortbestimmungen, Fallbesprechungen und Erziehungsplanung vornehmen
- Berichte erstellen
- Entwicklung dokumentieren
- Qualittssicherungsmassnahmen umsetzen
- Vernetzung unter Pflegefamilien anstreben, Austausch pflegen
- ffentlichkeits- und Lobbyarbeit leisten
Es drngt sich auf, Pflegefamilien strukturell zu vernetzen z.B. in einer Trgerschaft, welche die Planung, Organisation und berprfung dieser Aufgaben bernehmen beziehungsweise untersttzen kann.
Modelle fr solche professionell geleiteten Netze gibt es erst wenige in der Schweiz.
5) Bewilligungsbehrde, Aufsicht, Beschwerdeinstanzen
Neben der Pflegefamilie und der Herkunftsfamilie sind in einem Pflegeverhltnis weitere Stellen direkt beteiligt. Von Gesetzes wegen ist dies im Kanton Bern die Pflegekinderaufsichtsperson, welche von der Vormundschaftsbehrde der Wohngemeinde der Pflegefamilie als Aufsicht und Beratung fr Pflegeeltern eingesetzt wird. Ergeben sich in einem Pflegeverhltnis massive Probleme, wird u. U. das Kantonale Jugendamt (der Pflegekinderaufsicht bergeordnet) oder der Regierungsstatthalter (der Vormundschaftsbehrde bergeordnet) involviert.
Vor der Platzierung braucht die Pflegefamilie eine Bewilligung von der zustndigen Vormundschaftsbehrde (auf Antrag der Pflegekinderaufsicht). Fr professionelle Pflegefamilien ist das Jugendamt oder eine entsprechende kantonale Stelle zustndig.
Je komplexer die Pflegesituationen sind, desto anspruchsvoller gestalten sich auch die Einschtzung bezglich Bewilligung, die Aufsicht und Beratung sowie die Beurteilung und Entscheidfindung in Konfliktsituationen. Fr Laien sind diese Aufgaben nicht zu bewltigen. Kurz und knapp, es braucht auch hier wie bei 2) und 3) ausgebildete Spezialisten und Spezialistinnen, die mit Fragestellungen und Hintergrnden in Pflegeverhltnissen vertraut sind.
6) Helfersystem Pflegeverhltnis
Je nach Fall erweitert sich der Kreis um Beratungsstellen, TherapeutInnen, GutachterInnen oder sogar um AnwltInnen und Gerichtsinstanzen.
Wie beim Helfersystem Herkunftsfamilie braucht es vor allem Bewusstheit um die besondere Situation von Pflegekindern und ihre Bedrfnisse, erworben durch spezifische Fortbildung, Erfahrung, Austausch und Zusammenarbeit mit gleichbetroffenen Kollegen und Kolleginnen.
7) Steuerung des Pflegeverhltnisses
Eine Fremdplatzierung ist immer ein Prozess, welcher mit dem Eintritt eines Kindes in ein anderes System nicht abgeschlossen ist. Wohlbefinden, Erwartungen, Rollen, Zustndigkeiten und Haltungen der Beteiligten mssen regelmssig thematisiert werden. Die Ziele und Auftrge mssen unter Einbezug der Lebensphase des Kindes berprft und allenfalls neu definiert werden 3)
Professionalisierung in diesem Bereich heisst erst einmal, dass dieser Rolle berhaupt Bedeutung zugesprochen wird und in jedem Fall eine qualifizierte Fachperson dafr eingesetzt wird.
Diese Person muss die Rollen und Kompetenzen der Beteiligten klren, die damit verbundenen Aufgaben und Massnahmen koordinieren und dafr sorgen, dass bei allen Bemhungen die Interessen des Kindes immer an oberster Stelle stehen.
Sie ist demnach hauptverantwortlich fr die Ausarbeitung und periodische berprfung des Hilfeplanes, welcher als wertvolles Instrument fr die Klrung, Vereinbarung und berprfung von Zielsetzungen in Pflegeverhltnissen unbedingt auch in der Schweiz gefordert werden sollte.
8) Fachstellen
Hiermit sind die direkt am Pflegeverhltnis beteiligten Institutionen und Personen aufgezhlt. Es fehlen nun noch die unabhngigen, spezialisierten Fachstellen z.B. der Pflegekinder-Aktion, welchen eine wichtige Bedeutung zukommt. Ihr Beitrag an die Qualittsentwicklung im Pflegekinderwesen besteht vor allem darin, dass sie regional beziehungsweise national
- Vernetzung und Zusammenarbeit frdern
- Synergien wahrnehmen und nutzbar machen
- Informationen und Forschungsergebnisse sammeln, dokumentieren und kommunizieren
- Qualittsstandards erarbeiten und zu deren Umsetzung beitragen
- Aus- und Weiterbildung fr Pflegeeltern, Fachleute und Behrdenmitglieder anbieten oder frdern und koordinieren
- ffentlichkeits- und Lobbyarbeit leisten
- und natrlich kompetente Auskunfts- und Beratungsstelle fr Interessierte und Betroffene sind
Das Pflegekinderwesen wurde bisher in der Schweiz total vernachlssigt und zu wenig ernst genommen und zwar auf der politischen, finanziellen und auch auf der professionellen Ebene. Dies obwohl das Betreuungsangebot in Familien stark genutzt wird. Immerhin werden ca 15'000 Platzierungen geschtzt. (Dass es keine zuverlssigen Zahlen gibt, spricht auch fr sich!)
Ein Pflegeverhltnis ist ein usserst komplexes System mit einer hohen Anflligkeit fr Verletzungen oder destruktive Entwicklungen. Alle Beteiligten sind in einem hohen Mass gefordert. Sie mssen
- sich bewusst werden, was es fr ein Kind heisst, in zwei Welten zu leben
- Verstndnis aufbringen fr die Situation der abgebenden Eltern und die schwierige Position der Pflegeeltern
- sich spezifisches Fachwissen aneignen
- Kenntnis erwerben ber systemische Zusammenhnge und die Dynamik in solch komplexen Systemen wie es Pflegeverhltnisse sind
- Hohe Reflexionsfhigkeit mitbringen
- Kompetenz und Bereitschaft entwickeln, in einer fr das Kind frderlichen Art und Weise mit den anderen Beteiligten zusammenzuarbeiten
Die Ebene der Zusammenarbeit und Koordination ist zentral.
Kein Bereich ist imstande, eine gute Lsung fr das Kind zu realisieren, wenn er nicht auf die Kooperation der anderen Beteiligten zhlen kann. Besonders schmerzhaft und verletzend wirkt es sich natrlich beim Kind, aber auch bei den Pflegefamilien aus, wenn sie mit ihrer Aufgabe allein gelassen werden. Denn sie bekommen missliche Bedingungen direkt oder ber das Kind am eigenen Leib zu spren. Dazu kommt, dass sie meist in der schlechtesten Position sind, denn ihnen wird oft der grsste Teil der Verantwortung zugeschoben und gleichzeitig am wenigsten Mitsprache und schon gar kein Entscheidungsrecht eingerumt.
Zudem zeigen sich Schwierigkeiten und Stolpersteine, mit denen sich auch normale Eltern auseinandersetzen mssen, in Pflegefamilien potenziert.
Pflegefamilien brauchen also dringend fachlich kompetente Untersttzung in der Vorbereitung, whrend der Dauer der Platzierung und auch whrend der oft schwierigen Ablsephase. Deshalb sind Projekte, welche diese Begleitung gewhrleisten, unbedingt zu frdern. Die strukturelle Vernetzung von Pflegefamilien ist eine der wichtigsten und wirkungsvollsten Massnahmen fr die Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen und die Erhhung ihrer Tragfhigkeit. Dies gilt auch fr professionelle Pflegefamilien. Eigentlich sollten alle Pflegefamilien in einem Netz eingebunden sein.
Es sollte auch mehr spezialisierte Fachstellen geben, welche sich auf einer bergeordneten Ebene fr eine Weiterentwicklung und Verbesserung einsetzen. Zum Beispiel wre es wichtig, neben Pflegeelterngruppen auch Austauschgruppen fr abgebende Eltern und fr Pflegekinder anzubieten. Auch gemischte Gruppen von abgebenden und aufnehmenden Eltern, in denen ein Austausch stattfinden kann, der sich nicht direkt auf das gemeinsame Kind bezieht, knnten viel zu gegenseitigem Verstndnis beitragen.
Meine Ausfhrungen machen deutlich, dass ich im Pflegekinderwesen mindestens hier in der Schweiz einen dringenden Handlungsbedarf wahrnehme. Ich stelle aber auch fest, dass in jedem Bereich des Pflegekinderwesens positive Anstze vorhanden sind, welche weiterentwickelt werden knnen.
Sehr rgerlich und stossend finde ich die Tatsache, dass bei uns die Bemhungen um Weiterentwicklung im Pflegekinderwesen weitgehend gemeinntziger Initiative berlassen sind. Fast alle Fachstellen haben grosse finanzielle Probleme, da sie sich mit Spendengeldern ber Wasser halten mssen.
Es ist endlich an der Zeit, dass auch die ffentliche Hand sich rhrt und erkennt, dass qualifizierte Fremdbetreuung in Familien eine wertvolle, erst noch gnstige und deshalb unbedingt frderungswrdige Massnahme in der Jugend- und Familienhilfe ist. Ihr grosses Interesse sollte es sein, dass der zunehmenden Komplexitt auf der Nachfrageseite auch eine entsprechende Vielfalt von gut vorbereiteten und begleiteten Pltzen in Familien oder familienhnlichen Strukturen zur Verfgung steht.
Die Kantonsgremien haben fr Strukturen zu sorgen, welche den Erwerb, die Erweiterung und Bndelung von spezifischer Fachkompetenz ermglichen und nutzbar machen. Sie sind auch dafr verantwortlich, dass Qualittssicherungsmassnahmen nicht als Papiertiger, welche lediglich wertvolle Energie wegfressen, konzipiert werden.
Auf Bundesebene warten dringende Koordinationsaufgaben. Es sollte auch Geld zur Verfgung gestellt werden fr wissenschaftliche Untersuchungen, deren Erkenntnisse dann wieder in die Praxis einfliessen knnen. Dies sollte in enger Verbindung mit der Praxis geschehen, z.B. so, dass ein spezifisches Projekt wissenschaftlich begleitet und ausgewertet wrde.
Drfen wir vielleicht hoffen, dass die entstehenden Fachhochschulen und die Geldgeber das Thema Pflegekinderwesen als wichtig genug erachten? Hoffen gengt wohl nicht.
Es gibt noch viel zu tun, bleiben wir dran. Ich freue mich, Sie am nchsten Kongress wieder zu sehen.
Ich danke Ihnen fr Ihre Aufmerksamkeit.
1) BSO Bulletin (Berufsverband fr Supervision und Organisationsberatung) 2/2000, Seite 9
2)BSO Bulletin 2/2000, Seite 10
3)Arbeitspapier zu Standards im Pflegekinderwesen (Pflegekinder-Aktion Schweiz), Seite 3
*Rita Aemmer ist Leiterin der Koordinations- und Beratungsstelle der Pflegekinder-Aktion Bern
Quellenangaben:
- Qualittsentwicklung im Pflegekinderwesen, Fachstelle Pflegekinderwesen der Pflegekinder-Aktion Schweiz, Zrich
- Arbeitspapier zu Standards im Pflegekinderwesen, Fachstelle Pflegekinderwesen der Pflegekinder-Aktion Schweiz, Zrich
- BSO Bulletin 2/2000
- (Neue) fachliche Standards in der Vollzeitpflege, Gerhard Steege, IFCO-Konferenz 1992
- Im Dickicht der Angebots- und Pflegeformen, Blickpunkt 3/00
- Konzept der Ausbildung zur qualifizierten Erziehung von Pflegekindern
- Konzept des EU-Projektes Cinderella
- Pflegis, Langzeituntersuchung Kantonales Jugendamt Bern
- Pflegekinder-Aktion Schweiz, Kurzportrt einer gemeinntzigen Organisation